Argentinien: Wasser für Deolinda

17. Mai 2011 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Kurz nach Sonnenaufgang sattelte der junge Baudilio Bustos sein Pferd. Wie jeden Morgen brach er auf, um auf seiner Estancia „La Majadita“ nach dem Rechten zu sehen. Vor allem um die hochträchtige Stute würde er sich heute kümmern müssen. Die Geburt des Fohlens war seit Tagen überfällig. Pferde waren seit jeher Baudilios Leidenschaft. Und er hatte ein Händchen für die Zucht. Die Pferde von „La Majadita“ galten als die Besten, die man zwischen Caucete und San Juan bekommen konnte. Die schönen, kräftigen Tiere waren ein einträgliches Geschäft. Mehr noch als seine Pferde liebte Baudilio nur seine Familie! Seit kurzem waren sie zu Dritt. Sehnsüchtig dachte er an seine wundervolle Frau Deolinda Correa und seinen neugeborenen Sohn. Der Kleine musste getauft werden, daher war die junge Mutter vor ein paar Tagen mit dem Baby nach San Juan aufgebrochen. Ein zuverlässiger Peón begleitete die beiden. Dennoch war Baudilio besorgt.

Es waren unruhige Zeiten. Es herrschte Bürgerkrieg in den Vereinigten Provinzen des Río de la Plata. Unitarier und Föderalisten kämpften auch im Jahr 1841 noch immer erbittert um die Macht. Truppen beider Kriegsparteien verbreiteten in der Cuyo-Region im Westen des Landes Angst und Schrecken. Generäle wie Aldao, Espinosa, de Hacha, Lamadrid oder Quiroga befahlen ihren Männern Ortschaften zu überfallen, um die jungen Männer zum Kriegsdienst in ihre Reihen zu pressen. Rücksichtlos plünderten die Kämpfer Dörfer und Estancias, um sich mit Pferden, Waffen und Lebensmitteln zu versorgen. Nichts, gar nichts, war vor dieser marodierenden Soldateska sicher!

Endlich fand Baudilio die trächtige Stute. Sie lag schon in den Wehen. Mit vereinten Kräften brachten sie das Fohlen zu Welt. Zufrieden betrachtete der junge Mann die Stute, die ihr Neugeborenes sanft von den Resten der Fruchtblase befreite.

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„ Genau Dich und deine Pferde suchen wir!“ – Eine schneidende Stimme ließ Baudilio herumfahren. Er blickte direkt in die Mündung einer Pistole ein Anblick, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hinter der Pistole saßen einer Handvoll wilder Gestalten auf verstaubten, verschwitzten Pferden. Die Reiter hatten sich unbemerkt genähert, während er der Stute geholfen hatte.

„Wir haben den Befehl, Pferde, Waffen, Proviant und dein Geld zu konfiszieren. Bring uns zu deinem Haus!“ sagte der Kerl mit der Pistole, offenbar ihr Anführer. Er trug die Rangabzeichen eines Coronels.

„ Von wem stammt dieser Befehl?“, fragte der überrumpelte Baudilio.

„ Von General Facundo Quiroga, dem Tiger der Llanos! Und nun los!“

Unbändige Wut ergriff Baudilio. Er schlug dem Coronel die Pistole aus der Hand, riss seinen Dolch aus dem Gürtel und schrie den Angreifern entgegen: „Zurück! Dies sind meine Pferde! Ich werde es niemals zulassen, dass Ihr sie mir raubt!“

Der Coronel schäumte. „Fasst ihn mir! Lebend!“, befahl er seinen Schergen. Baudilio kämpfte wie ein Stier, aber gegen die Übermacht der Angreifer hatte er keine Chance. Sie fesselten ihn und schleiften ihn zu seinem Hof. Wie die Wandalen fielen die Soldaten in das Haus ein, warfen Schränke um, zerstörten das Mobiliar, stahlen alles Wertvolle, trieben sämtliche Pferde, derer sie habhaft werden konnten, zusammen und waren immer noch nicht mit ihrer Beute zufrieden: „Wo ist dein Silber? Wo sind deine restlichen Pferde?“

Baudilio schwieg. Brutal schlugen sie ihn zusammen. „Dann nehmen wir dich Stück Scheiße eben mit nach La Rioja“, fuhr ihn der Coronel an. „Du wirst sehen: dort wirst du dann schon singen!“ Sie banden den schwer verletzten Baudilio auf ein Pferd und ritten los.

Als am Abend die Sonne die Gipfel der Anden küsste, hatte sich dort, wo noch vor wenigen Stunden das blühende Zuhause von Baudilio und Deolinda gestanden hatte, längst die beklemmende Stille der Wüste ausgebreitet.

Bereits vor einigen Tagen war sie sicher in San Juan angekommen. Die zierliche Frau genoss die Zeit mit ihrer Schwester und ihrem geliebten Vater, Don Pedro Correa. Mit ihrem Elternhaus, einem schönen Gebäude im kolonialen Stil, verband sie viele schöne Erinnerungen. Gerade zu ihrem Vater, einer einflussreichen und geachteten Persönlichkeit in San Juan, hatte sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter eine besonders innige und herzliche Beziehung. Schnell waren alle Vorbereitungen zur Taufe des kleinen Sohnes getroffen, die bald darauf vollzogen wurde.

An einem Nachmittag ging Deolinda in den herrlichen Patio des Hauses. Der betörende Duft des Jasmin zog sie wie magisch an. Als sie in den Hof trat, ließ eine eisige Brise sie erschauern. Verstört schaute die junge Frau in den Himmel. Es war die Stunde, als einige Dutzend Meilen entfernt die Kämpfer Quirogas „La Majadita“ verwüsteten und ihren Mann Baudilio verschleppten.

Einige Tage später stand ein Peón der Estancia vor der Tür. Er hatte sich vor den wütenden Soldaten retten können und berichtete mit bebender Stimme, was vorgefallen war: „Sie haben alles geraubt, alles zerstört. Und sie haben Don Baudilio nach La Rioja mitgenommen.“

Deolinda brach zusammen. Sie machte sich schwerste Vorwürfe: „Warum bin ich nicht zuhause gewesen, als Baudilio mich so dringend brauchte! Wer kümmert sich jetzt um ihn, wer pflegt seine Wunden?“ Die Angst um ihren Mann ließen sie weder tags noch nachts Ruhe finden. Tiefe Trauer zeichnete ihr feines, schönes Gesicht. Eine innere Stimme wiederholte immer wieder und wieder: „Du musst deinen Mann suchen und ihm helfen, Deolinda!“

erzweifelt suchte die junge Frau Trost und Rat bei ihrem alten Beichtvater, Padre Sarmiento. Doch diese innere Kraft, diese Liebe zu ihrem Mann, war stärker als alles andere. Schließlich wusste Deolinda, dass es nur einen Weg für sie gab. Sie würde den Truppen folgen, die ihren Baudelio entführt hatten. Sie musste ihren Mann finden, trotz der Gefahren, die in der Wüste oder durch die umherziehenden, marodierenden Truppen drohten. Sie würde den General Facundo Quiro, finden und ihn auf Knien um Gnade für ihren Mann anflehen! Sie würde alles für Baudelio tun. Vergeblich versuchte Padre Sarmiento, die verzweifelte Frau von ihrem Vorhaben abzubringen. Er konnte ihr nur noch seinen Segen mit auf den Weg geben.

In der folgenden Nacht band Deolinda Correa heimlich einige Habseligkeiten, etwas Proviant und zwei Wasserschläuche zu einem Bündel. Im Morgengrauen wickelte sie Ihren Sohn in einen roten Poncho ihres Mannes, band ihn sich auf den Rücken und schulterte das Bündel mit den Vorräten. Vorsichtig und ohne jemanden aufzuwecken lief sie über die Veranda und schloss die schwere Holztür ihres Elternhauses leise hinter sich. Sie atmete noch einmal tief durch. Dann verließ sie mit festem Schritt San Juan in östlicher Richtung, dorthin wo hinter dem Horizont La Rioja liegt und Deolinda hoffte, ihren Mann bald wiederzusehen. Aber vor ihr lag die Wüste.

Mühsam kämpfte sich Deolinda durch die lebensfeindliche Umgebung voran. Tagsüber litt sie unter der erbarmungslos brennenden Sonne, nachts zitterte sie vor Kälte. Das Baby war dagegen in dem schweren Poncho gut geschützt. Immer weiter kämpfte sich die Mutter mit ihrem Kind voran. Bald schon verlor sie in dem gesichtslosen Meer aus Sand, Stein und Fels die Orientierung. Nach wenigen Tagen war der Proviant aufgezehrt und schließlich der letzte Tropfen Wasser getrunken. Sie musste ihren Mann finden! Sie musste Baudilio helfen! Weiter, nur weiter! Fiebernd und fast wahnsinnig vor Durst stolperte Deolinda voran. Doch dann waren ihre Kräfte aufgebraucht. Auf einem kleinen Hügel gut 60 Kilometer östlich von San Juan brach sie erschöpft zusammen. Liebevoll drückte sie ihren kleinen Sohn an die Brust. Sie betete. Für ihren Mann, für ihr Kind. Dann verlor sie das Bewusstsein. Wenig später war Deolinda Correa tot.

Mit einer Mischung aus Neugier und Respekt beobachteten ein paar Arrieros, Treiber einer Maultierkarawane auf dem Weg nach Caucete, wie einige Aasgeier über einem Hügel in der Nähe ihres Wegs kreisten. Welches Tier dort wohl verendet war? Als sie sich näherten, hörten sie seltsame Laute. Was war das? Dann sahen sie die Frau. Sie lag ausgestreckt auf dem Boden, auf ihrem Bauch lag ein roter Poncho. In dem Poncho bewegte sich etwas. Es war ein Baby. Es saugte an der Brust der Frau. Dann bewegte es den Kopf und fing an zu schreien.

Behutsam flößten die Männer dem Kind etwas Wasser ein. Es schien ihm ganz gut zu gehen. Ihn Caucete würde man sich gut um den Kleinen kümmern. Für die Frau jedoch kam jede Hilfe zu spät, sie war verdurstet. Um ihren Hals hing ein Medaillon, auf dem ein Name eingraviert war: „Correa“. Sie begruben den Leichnam unter aufgeschichteten Steinen, auf die sie ein einfaches Holzkreuz setzten. Auf dem Kreuz stand geschrieben: Difunta Correa – Entschlafene Correa.

Einige Zeit später suchte ganz in der Nähe eine andere Gruppe Arrieros verzweifelt nach ihren Tieren. Bei einem fürchterlichen Unwetter waren Rinder und Packtiere in Panik geraten und auseinandergestoben. Ohne Futter und ausreichend Wasser drohte den Tieren nun der Tod. Schon drei Tage hatten die Treiber vergeblich gesucht. Nachts, mitten im schlimmsten Gewitter, stießen sie dann auf das Grabmal der Difunta Correa. Im Angesicht des Kreuzes beteten sie und baten die Difunta Correa um ihren Beistand und um Hilfe bei der Suche nach der verlorenen Tieren. Deolinda half ihnen. Als die Arrieros am nächsten Morgen aufwachten, hatte sich das Unwetter verzogen. Im Tal unterhalb des Hügels weideten die vermissten Rinder und Pferde friedlich an den Grashalmen, die die Regenfälle der vergangenen Tage aus dem trockenen Boden hatten sprießen lassen.

Diese Viehtreiber waren die ersten, die von den Wohltaten erzählen konnten, die die Difunta Correa für sie vollbracht hatte. Heute tun dies Millionen Menschen. Es sind nicht nur die Fernfahrer, die modernen Nachfahren der Arrieros, die überall im Land an kleinen Altären links und rechts der Straßen der Difunta Correa gedenken, sie um Schutz und den einen oder anderen Gefallen bitten und ihr im Gegenzug etwas Wasser gegen den schrecklichen Durst mitbringen.

Die Legende der Difunta Correa ist die wundervolle Geschichte einer Frau, die ihr Leben opferte für die Liebe zu ihrem Mann und ihrem Kind. Und so danken die Argentinier der Difunta Correa vor allem für all die Wunder, die mit ihren Kindern geschehen sind. Und natürlich haben sie noch die eine oder andere weitere Bitte. Aus Dankbarkeit bringen die Menschen seit Jahrzehnten Alltagsgegenstände, die von den Wohltaten zeugen, die die Difunta Correa ihnen persönlich erwiesen hat. Fernfahrer brachten zahllose Nummernschilder und Modellautos, erfolgreiche Sportler Pokale und Auszeichnungen, glückliche Paare ihre Brautkleider und Familien, die ein neues Heim gefunden hatten, ein Modell von ihrem Haus. Ganze Familiengeschichten lassen sich in auf dem Gelände der Difunta Correa entdecken. Vallecito, wie die Stelle von Deolindas Correas grausamen Tod heute genannt wird, ist längst zu einem Wallfahrtsort für Menschen aus ganz Argentinien und den Nachbarländern geworden. Mehrere Kapellen gibt es hier, und fast zwei Dutzend Häuschen, wo die vielen Opfergaben aufbewahrt und ausgestellt werden. Und fast alle Besucher bringen der Difunta Correa auch das mit, wonach sie sich in ihren letzten Stunden im Diesseits wohlam meisten gesehnt hatte: etwas Wasser.

In der Osterwoche wird sogar eine Marienstatue aus San Juan nach Vallecito gebracht. Die letzten 34 Kilometer von Caucete aus in einer feierlichen Prozession wird das Standbild durch die Wüste getragen. Die katholische Kirche hat Deolinda Correa dennoch bis heute nicht heilig gesprochen – und wird es, wenn wir die Zeichen aus Rom richtig deuten, auch in absehbarer Zeit nicht tun. Für die Argentinier aber ist die Frau aus San Juan schon lange eine ganz besondere „Heilige“.

 [dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Reisetipps

Die nationale Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas fliegt sechsmal wöchentlich von Buenos Aires nach San Juan. Der Flug dauert gut anderthalb Stunden. Je nach Lust und Laune und/oder Geldbeutel kann man in San Juan seine Unterkunft zwischen einfachen Hostels, Pensionen oder guten Mittelklassehotels wählen. Der Besuch der Difunta Correa lässt sich von San Juan aus bequem als Tagesausflug organisieren: vom Busbahnhof der Stadt fahren täglich mehrere Busse nach Vallecito zur Difunta Correa und kehren nach mehreren Stunden Aufenthalt wieder nach San Juan zurück.

Ausgewählte Links:

Aerolineas Argentinas
Wichtigste Fluglinie Argentiniens mit regelmäßigen Flugverbindungen von Buenos Aires nach San Juan.

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