Bolivien: Der Friedhof der Züge

9. April 2007 | Von | Kategorie: Reisen
© Lorenzo Puricelli, Fotolia

Zweifarbenwelt aus Blau und Weiß: der Salar de Uyuni in den bolivianischen Anden, eine der größten Salzseen der Welt.
(© Lorenzo Puricelli, Fotolia)

Hier oben gibt es nur zwei Farben: das tiefe Blau des Himmels über unseren Köpfen und das strahlend helle Weiß der endlosen Salzfläche unter unseren Füßen. Bei genauem Hinschauen erkennen wir, dass die Oberfläche der Salzkruste nicht eben ist sondern sich aus unendlich vielen, kleinen Waben zusammensetzt. Nur manchmal unterbrechen dunkle, mit Kakteen bewachsene Felseninseln diese Zweifarbenwelt. In der Ferne erheben sich schemenhaft fast 6.000 Meter hohe, schneebedeckte Berggipfel und Vulkane. Nachts im Mondlicht schimmert das Salz im zarten Violett und bildet mit dem mitternachtsblauen Nachthimmel eine surreal anmutende Landschaft.

Es ist ein echtes Juwel der Natur, das da im Südwesten Boliviens im gleißenden Licht der Höhensonne glänzt. Auf der andinen Hochebene, dem Altiplano, liegt hier auf mehr als 3.600 Höhe der “Salar de Uyuni“, eine der größten Salzseen der Welt.

Er ist wahrhaft gigantisch: in Ost-Westrichtung beträgt seine größte Ausdehnung mehr als 130 km, von Norden nach Süden sogar mehr als 160 km. Insgesamt bedeckt der “Salar de Uyuni“ eine Fläche von mehr als 11.000 Quadratkilometern. Seine Salzkruste ist bis zu 7 Meter dick, insgesamt sollen mehr als 10 Milliarden Tonnen Salz hier liegen.

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Das Mondlicht verzaubert die Salar de Uyuni bei Nacht. (© Michel Forest, Fotolia)

Das Klima rund um diesen Salzsee ist kalt und trocken, die Böden karg. Landwirtschaft ist kaum möglich. Die einzige, natürliche Einkommensquelle für die Indios vom Aymara-Volk, die hier siedeln, ist das Salz, das weiße Gold der Region. Seit Urzeiten brechen die Aymara mit ihren Lama-Karawanen auf, um das frische Salz vom Salzsee zu holen und an Händler weiterzuverkaufen. Das Wort “Uyuni“ bezeichnet in der Aymara-Sprache den Ort, an dem sie sich mit ihren Lasttieren versammeln. Heute haben zwar vielerorts Lastwagen die Lamas ersetzt, den Ort “Uyuni“ gibt es aber noch immer.

Das Städtchen Uyuni liegt am Ostufer des nach ihm benannten Salzsees, 12.000 Menschen leben hier. Es scheint ein einsamer, staubiger, trostloser Ort in der Mitte von Nirgendwo zu sein, umgeben von einem bunten Ring aus achtlos weggeworfenem Plastik- und Sperrmüll. Doch welche Überraschung: in der Ortsmitte reiht sich ein Reisebüro an das andere. Uyuni ist der Ausgangspunkt für Exkursionen zu den Naturschönheiten in der weiten Ebene der Salzsees. Mittlerweile hat der Tourismus sogar dem Salz als wichtigster Wirtschaftzweig den Rang abgelaufen.

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Die Isla de Pesca ist die bekannteste Felseninsel im Salzsee “Salar de Uyuni“. Sie ist mit hohen Kakteen bewachsen. (© Tanguy Prouvost, Fotolia)

Viele der Besucher kommen mit dem Zug in die Stadt. Uyuni ist Knotenpunkt zwischen den beiden wichtigsten Eisenbahnlinien Boliviens. Eine Linie – die erste Eisenbahnstrecke Boliviens – führte zunächst bis zum Pazifikhafen Antofagasta (heute Chile). Die 1899 eröffnete Trasse wurde gebaut, um die wertvollen Erze aus den Minen Boliviens zu exportieren. Heute erreicht die Bahn nicht mehr den Pazifik. Dennoch fährt einmal wöchentlich ein kombinierter Personen-/Güterzug bis in den chilenischen Ort Calama – eine spektakuläre Fahrt durch die Anden. Die zweite Linie verband einstmals die bolivianische Metropole La Paz mit der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Heute wird diese Strecke mehrmals wöchentlich zwischen der Bergbaustadt Oruro im Norden und der Villazón an der argentinischen Grenze im Süden befahren.

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Noch immer ist der Salzabbau in der „“Salar de Uyuni“ ein wichtiger Wirtschaftszweig im Südwesten Boliviens. (© Russ Pearce, Fotolia)

So verwundert es kaum, dass ein einzigartiges Zeugnis der bolivianischen Eisenbahngeschichte keine drei Kilometer außerhalb Uyunis zu bestaunen ist: der Cementerio de los Trenes – der „Friedhof der Züge“. Bereits aus großer Entfernung sind die Silhouetten der verendeten Züge zu erkennen. In der Weite des Altiplanos und unter dem unendlichen tiefblauen Himmel wirken die schweren Lokomotiven wie Miniaturen. Kommt man näher, so nehmen sie Gestalt an, die ausgemergelten Dampfrösser und durchlöcherten Kessel, die bis auf das Skelett ausgeschlachteten Waggons und die Schienen, die ins Nirgendwo führen. Zusammen mit dem kalten Wind hat der Zahn der Zeit skurrile Skulpturen aus gebogenem und geborstenem Metall geformt. Alles ist überzogen mit einer in den unterschiedlichsten Braun- und Rottönen schimmernden Patina: der Rost frisst die Dampfrösser und ihren Anhang auf, langsam zwar, aber unerbittlich.

Graffitis geben den stählernen Kolossen Persönlichkeit, eine Seele. Eine Lokomotive sucht dringend nach einem erfahrenen Mechaniker, der ihren müden Rädern wieder Leben einhaucht. “No– Nein“ schreit ein anderes Feuerross in höchster Not und größtem Schmerz. Als ob es damit das Ende noch einmal abwenden könnte: sein Kessel ist schon in zwei Teile zerrissen. Eine dritte hat sich offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden: „Así es la vida – So ist das Leben“ – steht – zynisch und weise zugleich – auf ihrem rostigen Körper geschrieben.

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Es ist ein seltsamer Ort, dieser Eisenbahnfriedhof bei Uyuni. Eingebettet in die lebensfeindliche, trockene und kalte Landschaft des Altiplanos versprühen die rostigen Überbleibsel des 20. Jahrhunderts einen eigentümlichen, morbiden Charme. Die ganze Szenerie birgt in sich eine fast magische Schönheit. Irgendwie ist es ein Ort, der uns fühlen lässt, wie klein und vergänglich unsere Technik, unser Wirken und unser Sein letztlich im Vergleich zu Kraft und Zeitspannen der Natur sind. Ein Platz, der uns spüren lässt, wie einzigartig und wertvoll jedes Individuum, jeder Mensch ist. Así es la vida – so ist das Leben!

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Allgemeine Reiseinfo

Uyuni erreicht man von La Paz entweder per Zug (Fahrpläne siehe Link der bolivianischen Eisenbahnen unten) oder per Überlandbus, der die Strecke La Paz – Oruro – Potosí – Uyuni bedient. Die beste Reisezeit ist die Zeit zwischen Mai und November, wenn es sehr trocken ist. Allerdings ist es dann auch am kältesten. Gerade nachts sinkt dann in Uyuni und der Salar de Uyuni die Temperatur deutlich unter den Gefrierpunkt.

Ein wirklich außergewöhnliches Übernachtungserlebnis bietet der “Palacio de Sal“. Dieses außergewöhnliche Hotel taucht aus der weißen Ebene des Salzsees wie eine Fata Morgana in der Wüste auf. Das besondere am “Salzpalast“ er ist komplett aus Salz gebaut. Nicht nur Dach, Wende und Fußböden bestehen aus großen Salzblöcken, sondern auch ein großer Teil der Inneinrichtung.

Wer einmal den Weg nach Uyuni gefunden hat, sollte unbedingt auch die Reserva de Fauna Andina Eudardo Avaroa“ besuchen. Das Naturschutzgebiet (siehe Link unten) liegt zwar ein paar Stunden von Uyuni entfernt im Dreiländereck Bolivien – Argentinien – Chile. Doch die hochandine Tier- und Pflanzenwelt ist einzigartig, so gibt es hier z.B. große Vorkommen von Flamingos.

Interessante Links

Empresa Ferroviaria Andina S.A.
Homepage der Bolivianische Eisenbahnen mit aktuellen Infos zu Fahrplänen und Ticketkosten. Die Gesellschaft bietet verschiedene Passagierzüge nach Uyuni, u.a. von Oruro (Bolivien) und Villazón (Grenzstadt zu Argentinien). Einmal wöchentlich fährt ein Zug die spektakuläre Strecke in die chilenische Stadt Calama.

Alaya-Hostels
Angebote für 1 – 4 Sterne-Hotels in Uyuni (bolivianischer Standard)

Reserva de Fauna Andina Eudardo Avaroa
Die Homepage dieses Naturschutzgebietes für die hochandine Fauna und Flora bietet neben viele nützlichen Infos (z.B. Angabe der autorisierten Touranbieter) auch die Möglichkeit eines virtuellen Flugs über das Reservat.[/dropshadowbox]

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