Chile: Der Gefangene des Osorno oder die Sage vom Pillán

18. November 2011 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik
Quelle: University of Texas, Austin. Bearbeitet durch Alavia.com.

Quelle: University of Texas, Austin. Bearbeitet durch Alavia.com.

Was konnten die Menschen tun? Wie konnten sie dem Pillán entkommen? Natürlich, da gab es diese Geschichte, die sich die Alten immer erzählten. Wenn es ihnen gelänge – so die Legende – ein Blatt des Magnolienbaums in den Krater des Osorno zu werfen, dann würde viel Schnee vom Himmel fallen und den Krater verschließen – und der fürchterliche Pillán wäre gefangen.

Immer wieder dachten die Indianer an diese Legende. Aber was half sie ihnen? Niemand konnte zum Krater gelangen. Tiefe, steile Schluchten umgaben den Vulkan, in denen Flüsse aus glühendem Feuer sich ihren Weg ins Tal suchten. Unüberwindbare Hindernisse – nicht ein einziger Weg führte hinauf!

Nachdem Pillán es wieder einmal besonders schlimm mit ihnen getrieben hatte, hielten die Indianer eine große Versammlung ab. Und während sie berieten und darüber nachdachten, wie sie sich vor dem Zorn des bösen Geistes retten könnten, trat plötzlich ein alter Indianer in ihre Mitte. Keiner kannte ihn. Sie wussten nicht, wer er war und woher er kam. Doch er ergriff das Wort und sagt: „Hört mich an! Ich kenne eure alte Legende. Und ich weiß, dass selbst der Tapferste von Euch nicht zum Krater des Osorno gelangen kann. Aber ich will euch einen Weg zeigen, wie ihr Pillán dennoch besiegen könnt! Deshalb hört mir zu! Ihr müsst die schönste Jungfrau eures Stammes opfern. Ihr Herz müsst ihr mit einem Zweig des Magnolienbaums bedeckt auf den Gipfel des Berges Pichijuan legen. Dann wird ein Vogel kommen, das Herz fressen und mit dem Zweig im Schnabel davonfliegen. Er wird zum Osorno fliegen, und wenn er über dem Krater ist, wird er den Magnolienzweig fallen lassen. Doch damit dies geschehen kann, müsst ihr versprechen, gut und fleißig zu sein. Denn an dem Tag, an dem ihr euch wieder euern alten Lastern hingebt, wird der Schnee am Osorno schmelzen, und der Pillán wird dann von neuem mit Feuer und Asche über euch herfallen und euer Land und eure Häuser verbrennen. Deshalb seit gut und fleißig – dann werdet ihr ihn Frieden leben können!“ So sprach der alte Indianer und verschwand dann auf so wundersame Weise wie er gekommen war.

Der Häuptling musste nun die schönste und tugendhafteste Jungfrau des Stammes auswählen, damit sie geopfert würde. Kein Zweifel, es würde Licarayen, seine jüngste Tochter, treffen. Sie war wunderschön und ihr Herz war reiner als die schneeweißen Blüten der Quilineja-Pflanze. Mit zitternder Stimme überbrachte ihr Vater selbst die schreckliche Nachricht. Aber sie tröstete ihn und sagte: „Weine nicht! Ich bin bereit zu sterben, wenn durch meinen Tod unser Stamm vor weiterem Leid bewahrt werden kann. Ich bitte dich: Tötet mich nicht mit euren Äxten oder Speeren. Die Blumen sollen mich mit ihrem herrlichen Duft töten. Der junge Toqui Quitralpique soll mir mein Sterbebett bereiten und mir das Herz herausschneiden.“

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Und so geschah es. Als am folgenden Tage die Sonne über die Gipfel der Kordillere klomm und die Vögel ihr Morgenlied zwitscherten, begleitete der ganze Stamm Licarayen ans Ende einer schmalen Schlucht, wo der Toqui ihr aus den Blüten mit den schönsten und intensivsten Düften, die er hatte in den Wiesen und Wäldern finden können, ihr letztes Lager bereitet hatte. Ohne zu Klagen legte sich Licarayen auf das Blumenbett. Still und zutiefst betrübt setzten sich die jungen Männer des Stammes rund um die Opferstätte. Regungslos saß der Toqui da, seine verweinten Augen ruhten starr auf dem schönen Antlitz Licarayen, aus dem nach und nach die Farbe des Lebens wich.

Als der Abend seinen grauen Mantel über das Land breitete und der letzte Vogel verstummte, starb Licarayen. Der Toqui trat an die Tote heran, kniete an ihrer Seite nieder und schnitt ihr mit zitternder Hand das Herz aus der Brust. Schweigend ging er auf den Häuptling zu und legte das Herz in dessen Hände. Dann drehte er sich um und ging zur toten Licarayen zurück. Wortlos nahm er seine Lanze und stieß sie sich in die Brust. Wenigstens der Tod verband die Seelen der beiden Liebenden für immer.

Der Häuptling beauftragte nun den Kräftigsten der jungen Männer, das Herz und den Magnolienzweig auf den Gipfel des Pichijuan zu bringen. Der ganze Stamm wartete im Tal und hoffte, dass die Prophezeiung des alten Indianers auch tatsächlich eintreten würde. Kaum hatte der junge Indianer das mit dem Magnolienzweig bedeckte Herz auf der Bergspitze abgelegt, da erschien ein riesiger Kondor am Himmel. In schnellem Flug kam der Kondor herab und verschlang das Herz mit einem einzigen Bissen. Dann packte er den Magnolienzweig mit dem Schnabel und flog in Richtung des Osorno. Der Vulkan spuckte wie wild Feuer. In großen Spiralen schraubte sich der Kondor immer höher. Dreimal umkreiste er in weiten Bögen den Gipfel, stieß dann im Sturzflug hinab und ließ den Zweig in den Krater fallen.

Sofort zogen schwere, schwarze Wolken am Himmel auf. Es fing an zu schneien. Das Schneetreiben wurde immer dichter, und in den roten Flammen des Vulkans sah es so aus als würde es Gold regnen. Es schneite und schneite. Tage, Wochen, ganze Jahre. Es war ein erbarmungsloser Kampf zwischen dem Feuer, das aus der Tiefe der Erde stieg, und dem Schnee, der vom Himmel fiel. Ungeheure Schmelzwasserströme füllten die Schluchten und Winkel , die die Wohnhöhle des Pillán bislang so gut beschützt hatten. Das Wasser stieg weiter und weiter und es entstanden der Llanquihuesee, der See Todos los Santos und der Chaposee. Pillán kämpfte mit aller Macht, doch er konnte sich nicht mehr befreien. Der Schnee schloss ihn immer fester ein – dann war der fürchterlichste aller bösen Geister im Osorno gefangen. Aber noch immer versucht er seine Freiheit zurückzugewinnen. Und an dem Tag, an dem die Menschen sich wieder ihren Lasten hingeben und Böses tun, wird der Schnee schmelzen, der den Pillán noch gefangen hält. Die Erde wird zittern, und Feuer und Asche werden alles Felder und Häuser zerstören. Daher sollte man sich stets an die Worte des alten Indianers erinnern: „Damit dieses Wunder von Dauer ist, müsst ihr gut und tugendhaft sein!“

Am nächsten Morgen kehrten die Indianer an die Stelle zurück, wo die Jungfrau Licarayen und der Toqui Quitralpique gestorben waren. Sie trauten ihren Augen nicht. Aus den Pflanzen, die das Mädchen mit ihrem Duft getötet hatten, waren Wurzeln geschlagen, ihre Zweige hatten sich miteinander verflochten und bildeten den prächtigsten Palast, den man sich denken kann. Inmitten der wundervollen Blumenhallen lebten glücklich und zufrieden Toqui und Licarayen.

Den Palast aus Blumen und Ranken gibt es bis heute. Er steht am Ende steht der Teufelsschlucht in der Nähe von Puerto Varas. Viele Neugierige sind schon hinabgestiegen, um seine unglaubliche Schönheit zu bewundern. Doch nur wenige haben ihn tatsächlich sehen können. Denn der Palast von Licarayen und Quitralpique ist nur für diejenigen sichtbar, die sich mit reinem Herzen am Liebreiz der Natur erfreuen können.

Titelfoto:

Der Vulkan Osorno in der „chilenischen Schweiz“. Unter dem Schnee – glaubt man der Sage vom Pillán – wartet der böse Geist des Berges auf seine Befreiung. © skyf, Fotolia.com

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Infos zu den Mapuches

Die historische Aufnahme von 1897 zeigt ein traditionelles Wohnhaus der Mapuche. © Archiv Alavia.com

Die historische Aufnahme von 1897 zeigt ein traditionelles Wohnhaus der Mapuche.
© Archiv Alavia.com

Die „Sage des Pillán“ geht auf eine Legende der Mapuches zurück. Dieses indigene Volk lebt bis heute im Süden Chiles in der Region rund um die Stadt Puerto Montt und die Insel Chiloé. Mit 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sind sie die größte ethnische Minderheit Chiles.

Mapuche bedeutet in ihrer Sprache „Leute der Erde“. Als die spanischen Eroberer auf die Mapuches trafen, zählten diese schätzungsweise über eine Million Menschen. Trotz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen konnten die Konquistadoren die Mapuches nie vollständig besiegen. Im Gegenteil: die Mapuches brachten der spanischen Krone immer wieder empfindliche Niederlagen bei und behaupteten weitgehend ihre Unabhängigkeit. Erst der chilenische Staat unterwarf im 19. Jahrhundert die Mapuches mit militärischer Gewalt.

In den letzten Jahren haben die Mapuches deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen und fordern immer nachdrücklicher ein Ende der gesellschaftlichen Diskriminierung und die Anerkennung als ethnische Minderheit. Auch mit internationaler Unterstützung kämpfen sie um die Rückübertragung der vom chilenischen Staat enteigneten Ländereien.[/dropshadowbox]

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