Chile: Die Ankunft der Lichtersteine – Ein Märchen der Mapuche

16. Dezember 2006 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Bevor die Mapuche-Indios wussten, wie man Feuer macht, lebten sie in den Bergen. Dort wohnten sie in Felshöhlen, die sie „Häuser aus Stein“ nannten. Ihre Götter und Dämonen versetzten die Mapuches immer wieder mit fürchterlichen Vulkanausbrüchen und Erdbeben in Angst und Schrecken.

Einer dieser Götter war der mächtige Cheruve. Wenn er wütend war, regnete es Steine und die Flüsse waren voll von kochender Lava. Manchmal schlug Cheruve auch direkt vom Himmel auf die Erde: als heißer, glühender Meteor.

Die Mapuches glaubten, dass ihre Vorfahren mit dem Tod in den dunklen Nachthimmel aufsteigen mussten. Jeder Stern, der des Nachts erleuchtete, war einer von ihnen. Zum Beispiel der helle dort hoch über dem Horizont war ein alter Großvater, der nun zwischen den Galaxien Nandús jagt.

Die Sonne und der Mond waren gute Götter, die der Erde Licht und Lebenskraft gaben. Die Mapuches nannten sie daher Vater und Mutter. Immer wenn die Sonne aufging, grüßten die Indíos sie. Und der Mond teilte die Zeit in Monate und kehrte alle 28 Tage in voller Größe zurück.

Da sie nicht wussten, wie man Feuer macht, mussten sie ihr Essen – Fische, Fleisch und Wurzeln – immer roh essen. Um in den kalten Nächten nicht zu erfrieren, schliefen sie nachts zwischen ihren Tieren, gezähmten Wildhunden und Lamas. Besonders fürchteten sie sich aber vor der Dunkelheit, denn die galt als Symbol für Krankheit und Tod. Im Dunklen – so stellten sie sich vor – passieren die schrecklichsten Dinge. Und so raubte die Angst den Mapuches in dunklen, mondlosen Nächten den Schlaf.

In einer der Felshöhlen wohnte eine Familie: Caleu, der Vater, Mallén, die Mutter, und Licán, das Töchterchen. In einer Sommernacht wagte Caleu einen Blick in den Himmel seiner Vorfahren und sah einen neuen, seltsamen Stern. Es war ein mächtiger, strahlender Stern, der einen langen, goldenen Schweif hinter sich herzog. Caleu war sehr besorgt, denn dieses himmlische Licht glich sehr dem Leuchten bei heftigen Vulkanausbrüchen. Wird es Unglück über die Mapuches bringen? Wird es die Wälder verbrennen? Obwohl er Angst hatte, sagte er weder seiner Frau noch den anderen Indios seines Clans, die in den Nachbarhöhlen wohnten, etwas über seine Beobachtung. Doch obwohl er schwieg, sahen nach und nach auch die Nachbarn bald das strahlende Leuchten am Nachthimmel. Sie berieten sich über die Bedeutung des neuen Sternes. Schließlich entschieden sie, abwechselnd jede Nacht ihre Wohnhöhlen zu bewachen.

Der Sommer neigte sich langsam seinem Ende entgegen. Eines Morgens versammelten sich die Frauen des Clans, um sehr früh hinauf in die Bergwälder zu steigen. Sie wollten dort Beeren und Nüsse als Vorrat für den Winter zu sammeln. Auch Mallén und ihre Tochter Licán machten sich bereit, hinauf in die Berge klettern.

„Lass uns die goldenen Zapfen der Araukarie und rote Beeren sammeln,“ sagte Mallén. Die Zapfen der Araukarie schmecken süß und lecker, fast wie Mandeln. Sie sind sehr nahrhaft.

„Ja, und wir wollen auch Wurzeln mitbringen,“ stimmte Licán zu. Das Mädchen war schon mehrere Male mit seiner Mutter unterwegs gewesen und freute sich sehr über diese Ausflüge.

„Aber seht zu, dass ihr unbedingt vor Anbruch der Nacht wieder zu Hause seid,“ mahnte Caleu die beiden.

„Wenn uns wirklich die Nacht überraschen sollte, werden wir in der Höhle oben im Wald übernachten“, beruhigte ihn Mallén. Die beiden nahmen ihre geflochtenen Taschen und schlossen sich den anderen Frauen an. Wie sie den Berg hinaufstiegen, glich die Gruppe einer Prozession von Papageien: auf dem ganzen, langen Weg redeten und lachten die Frauen in einem fort.

Oben in den Bergen gab es einen Wald aus riesigen Araukarien-Bäumen, von denen es reife Zapfen herabregnete. Und sie fanden auch viele leckere, runde Beeren, manche leuchtend rot, andere violett oder schwarz, je nach Reifegrad. Sie sammelten und pflückten und merkten nicht, wie rasch die Zeit verging. Schon begann die Sonne unterzugehen. Die Frauen erschraken. Sie warfen sich die mit Nüssen und Beeren prall gefüllten Taschen auf den Rücken und nahmen ihre Kinder an die Hand.

„Schnell, lasst uns hinabsteigen, schnell!“, rief eine der anderen zu.

„Nein, nein. Die Zeit reicht für den Abstieg nicht“, schrie Mallén dazwischen. „Die Nacht holt uns noch mitten im Wald ein und dann verirren wir uns für immer!“

„Aber was sollen wir denn machen“, fragte verzweifelt die alte Collalla, die sonst immer eine der tapfersten war.

„Ich weiß, wo wir hier in der Nähe eine Höhle für die Nacht finden, hab keine Angst, Mütterchen“, antwortete Mallén und führte die Frauen einen, schmalen, steilen Pfad entlang.

Als sie endlich an die Höhle gelangten, war die Nacht schon hereingebrochen. Um am Himmel sahen sie den mächtigen, hell leuchtenden Stern mit seinem langen, goldenen Schweif. Das alte Müttechen Collalla erschrak sich sehr. „Der Stern bringt uns eine Nachricht von unseren Vorfahren, die im dunklen Nachthimmel wohnen“, sagte sie mit bebender Stimme. Licán hielt sich angstvoll am Rock ihrer Mutter fest – und so machten es auch die anderen Kinder.

„Vorwärts, lasst uns schnell in die in die Höhle gehen. Dann schlafen wir eng beieinander, so dass sich die Angst nicht zwischen uns setzten kann“, rief Mallén.

„Das wird wohl das Beste sein“, stimmte Collella zitternd zu. Sie kannte viele alte, schreckliche Geschichten, denn sie hatte in ihrem Leben schon viele Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen und Waldbrände erlebt. Kaum waren die Frauen mit ihren Kindern in der Höhle, gab es einen fürchterlichen Knall. Alle umarmten sich und flehten verzweifelt die Sonne und den Mond, ihre Schutzgötter, um Beistand an. Kaum war der Lärm verstummt, setzte ein starkes Erdbeben ein, kleine Felsstücke lösten sich von der Höhlendecke.

„Cheruve ist wütend!“, schrieen die Frauen entsetzt. Die Gruppe verharrte vor Angst erstarrt dicht zusammengekauert in der Höhle. Dann begann der ganze Berg wie der Körper eines aufgeregten Tieres zu zittern. Die Mütter tasteten nach ihren Kindern, nein, zum Glück war niemand verletzt. Vor Erleichterung atmeten sie tief durch, dann schauten sie wie gebannt zum Höhleneingang: vor ihren Augen ergoss sich ein Regen von kleinen Steinen, die wenn sie aneinander stießen, Funken sprühten.

„Seht!“, schrie Collalla. „Lichtsteine! Sie sind ein Geschenk unserer Vorfahren!“

Aufblitzend rollten die Steine den Berg hinab und mit ihren Funken entzündeten sie einen großen, trockenen Coihue-Baum, der kurz vor der Höhle wuchs. Das Feuer erleuchtete die dunkle Nacht und die Frauen beruhigten sich, als sie das Licht des Feuers sahen.

„Der gute Geist des Sterns“ hat und das Feuer geschickt, damit wir keine Angst mehr in der Dunkelheit haben müssen“, sagte die alte Collalla freudestrahlend. Die Kinder und die Frauen lachten vor Erleichterung und Freude und applaudiertem dem Feuer. Die Gruppe betrachtete schweigend die Flammen, als wäre Vater Sonne selbst gekommen um bei ihnen zu sein. Sie setzten sich am Höhleneingang zusammen und lauschten andächtig dem Knacken des Feuers wie einer herrlichen, unbekannten Musik.

Aus der Dunkelheit tauchten bald die Männer auf, aus Sorge um Frau und Kind hatten sie der Finsternis getrotzt und waren den Berg hinaufgeeilt. Caleu näherte sich dem Feuer und nahm einen lodernden Ast in die Hand. Die anderen folgten seinem Beispiel. Und mit ihren Fackeln in der Hand leuchteten sie den Weg aus und stiegen den Berg hinab zu ihren „Häusern aus Stein“. Es sah aus wie eine lange Prozession von Glühwürmchen. Wann immer auf dem Weg eine Fackel fast aufgebraucht war, zündeten sie mit der Restflamme einen neuen Zweig an. Endlich kamen sie zu Hause an und legten sich todmüde schlafen.

Am nächsten Morgen erzählten die Frauen ihre Erlebnisse von den Funken sprühenden Lichtsteinen. Die Indios stiegen den Berg hinauf und sammelten so viele dieser magischen Steine, wie sie tragen konnten. Denn wenn man die Steine über trockenen Zweigen aufeinander schlug, dann konnte man mit ihnen ein kleines Feuer entzünden.

So haben die Mapuches den Feuerstein entdeckt. Sie haben gelernt, wie man Feuer macht. Und seitdem hatten die Mapuches das Feuer, um die dunklen Nächte zu erleuchten, sich in kalten Wintern zu wärmen und ihre Mahlzeiten zu kochen.

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Info

Das indigene Volk der Mapuche lebt bis heute im Süden Chiles in der Region rund um die Stadt Puerto Montt und die Insel Chiloé. Mit 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sind sie die größte ethnische Minderheit Chiles.

Mapuche bedeutet in ihrer Sprache „Leute der Erde“. Als die spanischen Eroberer auf die Mapuches trafen, zählten diese schätzungsweise über eine Million Menschen. Trotz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen konnten die Konquistadoren die Mapuches nie vollständig besiegen. Im Gegenteil: die Mapuches brachten der spanischen Krone immer wieder empfindliche Niederlagen bei und behaupteten weitgehend ihre Unabhängigkeit. Erst der chilenische Staat unterwarf im 19. Jahrhundert die Mapuches mit militärischer Gewalt.

In den letzten Jahren haben die Mapuches deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen und fordern immer nachdrücklicher ein Ende der gesellschaftlichen Diskriminierung und die Anerkennung als ethnische Minderheit. Auch mit internationaler Unterstützung kämpfen sie um die Rückübertragung der vom chilenischen Staat enteigneten Ländereien.[/dropshadowbox]

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