Das “goldene Vlies der Anden“ oder Warum die Indios keine Chance gegen die europäischen Eroberer hatten (1. Teil)

11. November 2012 | Von | Kategorie: Top

“Sage mir, was Dir heilig ist, und ich sage Dir, wo und wie Du lebst“

Lamas im Nationalpark Lauca, Chile (© Südamerika Reiseportal)

Lamas im Nationalpark Lauca, Chile
(© Südamerika Reiseportal)

Wer aufmerksam die Medien studiert, die sich mit Reisen in Südamerika befassen, der wird schnell bemerken, dass zum visuellen und imagologischen Grundrepertoire neben tanzenden Afroamerikanern, bunt gekleideten Indiofrauen und hochgelegenen Inkastätten immer ein Tier gehört, dessen Bedeutung für die Andenvölker kaum überschätzt werden kann: das Lama.

Steigt man tiefer in die Betrachtung ein, wird man feststellen, dass dieses animalische Aushängeschild nicht bloß bildmächtiges Klischee ist, sondern tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis der Kultur liefert – spätestens dann, wenn man auf die „Goldene Wiege“ stößt,wie die noch nicht von Besuchern zertrampelte Ruinenanlage von Choqequirao übersetzt heißt. Diese terrassierte, versteckt im Salkantay-Gebirge gelegene Stadt (3085 m), die u.a. auch als landwirtschaftliches Versuchslabor diente, hatte – so die Vermutung des französischen Archäologen Patrice Lecoq – vor allem rituelle Bedeutung. An dieser versteckten Kultstätte in der Nähe von Machu Picchu verehrte man – wie die eindeutigen Darstellungen auf den hellen Schieferplatten in den Stützmauern östlich des Hauptplatzes nahelegen – das Lama als göttliches, als heiliges Tier. Es taucht auch am Firmament unter dem Namen „Yacana“ auf und der ganze, von Kanälen und Aquädukten durchzogene Ort scheint an diesem Sternbild in der Milchstraße ausgerichtet zu sein, dessen Aufgang vermutlich Priester von hier beobachteten.

Noch heute huldigen die Hirten der Andenhochländer dem himmlischen Lama, das sie wie auch gewisse mythische Raubtierwesen Choque Chinchay nennen. Bisweilen (etwa vor Beginn eines Baus) opfern sie sogar wie ihre Vorfahren den Berggöttern Lamatalg (Untu) und Lamaföten.

Eine Würdigung dieses legendären, zum elementaren Bestandteil andinen Lebens gehörenden Kleinkamels ist indes unvollkommen ist, wenn man seine Verwandten nicht einbezieht. Aus diesem Grund wollen wir uns diesen Sommer nicht nur mit einer Tierart, sondern gleich mit einer ganzen (Unter-) Gattung, ausführlich beschäftigen, eben den sog.  Neuweltkameliden, den untereinander fruchtbaren und vielfältig gemischten Lamas, Alpacas, Guanacos und Vicuñas. Alle vier sind schließlich göttliche Geschenke. Hatte sie nicht einst der mythische Herrscher Manco Cápac, der “Sohn der Sonne”, seinem Volk unter der Bedingung vermacht, daß Guanaco und Vicuña wild bleiben?

Spuckende “Kuscheltiere”, die das Inkareich erst möglich machten, aber nicht retten konnten

Die Bedeutung der Haustiere für die Entwicklung unserer Zivilisation und Gesellschaft wird einem vielleicht am ehesten bewusst, wenn man sich auf eine kleine Zeitreise in eine andere Weltgegend wie Südamerika macht und einmal nach den Ursachen für gewisse Entwicklungen fragt. Warum findet sich dort zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt ein höheres oder niedrigeres Zivilisationsniveau? Warum konnte z.B. Francisco Pizarro 1532 im nordperunanischen Cajamarca mit knapp 170 Mann, darunter 70 Reitern, eine Armee von weit über 40.000 Inkas in die Flucht schlagen? Warum gelang es den Europäern überhaupt andere zu kolonisieren?

So wie uns bisweilen der Gedanke kommt, dass wir viel unverdientes „Schwein“ hatten, als wir in eine demokratisch und rechtsstaatlich verfaßte Wohlfahrtsgesellschaft hineingeboren wurden, so ahnen wir vielleicht beim Blick in die (Technik- und Wirtschafts-) Geschichte einer Region, dass auch Kulturen von klimatischen Bedingungen, von Flora und Fauna, mithin vom „biogeografischen Glück“ abhängen.

Die ersten Haustiere mit wirtschaftlichem Nutzen waren das Schaf und die Ziege. Der dadurch eingeleitete Wechsel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit, die sog. neolithische Revolution, resultierte aus dem Umstand, dass die Sippen nun mit den domestizierten Tieren dort blieben, wo das Grasfutter wuchs. Zu Schaf, Ziege sowie Rind gesellten sich bald auch Huhn, Schwein und Pferd. Doch nicht überall. Manche Haustiere findet man nur in ganz bestimmten Regionen.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Kamele, die schon früh zu vielseitigen „vierbeinigen Helfern“ wurden, ist immer noch sehr hoch. Denn sie sind nicht nur Pack-, z.T. auch Reittiere, sondern liefern zudem Milch, Wolle, Fleisch und Dung. Kamele, worunter der allgemeine Sprachgebrauch freilich nur die Altweltkamele versteht, haben sich, egal wo sie leben, immer optimal angepasst. Deshalb gehören sie zu den robustesten und erfolgreichsten Säugetierfamilien.

Alpacas im Lauca Nationalpark (© Südamerika Reiseportal)

Alpacas im Lauca Nationalpark (© Südamerika Reiseportal)

Während in den Wüstenzonen der Alten Welt aus der Familie der Kamele, deren Vorfahren am Ende des Tertiärs vor zwei Millionen Jahren in Nordamerika lebten, die beiden Großkamelarten Dromedar (mit nur einem Höcker) und Trampeltier (mit zwei Höckern) hervorgingen, entstanden in Südamerika aus den höckerlosen, neuweltlichen Kleinkamelen Guanako und Vicuna das Lama und das Alpaca. Erst diese Kameldomestikationen ermöglichten den Menschen die Erschließung solch unwirtlicher Lebensräume wie Wüsten, Halbwüsten und Hochlandgebiete.

Der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond sieht in dem erst durch die Domestikation von Pflanzen und Tieren ermöglichten und bahnbrechende Veränderungen mit sich bringenden Übergang zur Agrarwirtschaft die bedeutendste Entwicklung in den letzten 13.000 Jahren Menschheitsgeschichte. Der interdisziplinär denkende Gelehrte leitet in seinem vielbeachteten und lesenswerten Buch „Arm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“ die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der verschiedenen Gesellschaften aus der Möglichkeit der Nutzbarmachung natürlicher Reichtümer ab. Die Bewohner der Alten Welt hätten – so seine These – einfach bessere biologische Bedingungen vorgefunden. Daher verdanke sich die Jahrhunderte lange Vormachtstellung Europas vor allem seiner geographisch und ökologisch begünstigten Lage und der Verfügbarkeit von bestimmten Pflanzen und Tieren. Während Eurasien seinen Bewohnern vergleichsweise viel bieten konnte, litten die Völker der Neuen Welt vor allem unter einem eklatanten Mangel an nutzbaren größeren Säugetieren, deren ursprüngliches Vorkommen sich auf den sog. „fruchtbaren Halbmond“ zwischen Nil und Zweistromland sowie auf China beschränkte. Dabei muss man sich vergewärtigen, dass nur etwa 10 Prozent solch relevanter Mammalia, nämlich vierzehn Arten, überhaupt gezähmt und gezüchtet werden können. In Amerika gab es aber nicht 13, sondern erheblich weniger potentielle Kandidaten. Viele einheimische Tiere besaßen dafür gar keine biologische Disposition und widersetzten sich der Indienstnahme durch den Menschen. Es verhielt sich ähnlich wie bei den meisten Afrikanern, die das Pech hatten, mit dem Zebra ein Pferd zu besitzen, das sich als bissig und “unheilbar bösartig”, mithin wenig kooperativ erwies. Den Indianern blieben daher allein die (genetisch eindeutig getrennten) Kleinkamele Guanaco und Vicuña, aus denen dann im Wege der Hybridisierung (Kreuzung) und Züchtung die beiden Nutztiere Lama und Alpaca hervorgingen. Obwohl letztere sich als segensreiche Mitgeschöpfe erwiesen und dem Ideal der Eier legenden Wollmilchsau schon sehr nahe kommen, trugen sie niemals einen Reiter, konnten auch nicht im Krieg eingesetzt werden und zogen weder Karren noch Pflug. Weil das von den Maya erfundene Rad nicht mit dem in den Anden domestizierten Lama zusammenkam, war es somit im präkolumbischen Amerika als hocheffizientes, von Zugtieren bewegtes Transportmittel unbekannt. Ein großer (Wettbewerbs-) Nachteil im “Wettlauf der Kulturen”.

Bedenkt man dann noch, dass die mit der intensiven Nutztierhaltung verbundenen Krankheitserreger, die von den Spaniern eingeschleppt wurden, der Urbevölkerung des eroberten Subkontinents den entscheidenden Schlag versetzten, erweist sich das beschriebene Manko als gravierend.

Selbst wenn man Diamonds Theorie nicht folgen will, z.B. weil man sie für allzu geodeterministisch hält, so muß man doch anerkennen, dass große Unterschiede in der naturräumlichen Ausstattung erheblichen Einfluss auf den zivilisatorischen und ökonomischen Fortschritt haben.

Ackerbau und Viehzucht bildeten – abgesehen von der Fischerei an den Küsten und am Titicacasee – die Lebensgrundlage der andinen Kulturen. Die wichtigsten domestizierten Nutzpflanzen waren mangels weniger arbeitsintensiver Getreidesorten der eiweißarme, gemeinsam mit Bohnen, Kürbis und Chili gezogene Mais, die Pseudoceralien Quinoa und Amarant sowie die von den Christen später als “Früchte des Satans” verunglimpften papas nativas, die Kartoffeln.  Weil man hier in geringer räumlicher Distanz, allerdings unter Überwindung extremer Höhenunterschiede, verschiedene Klimazonen (warme Täler, für Maisanbau geeignete Mittellagen und kalte Hochebenen) vorfindet, bezeichnete Alexander von Humboldt die vertikale Anordnung der Ökosysteme als Charakteristikum dieses schwierigen Lebensraums. Die einzigen größeren Haustiere, die es gab und auf den Hochplateaus weideten, waren die bereits vor ca. 7000 Jahren gezähmten Andenkamele. Das vor allem wegen seiner Wolle gehaltene Alpaka und das als Packtier dienende Lama, das ebenfalls Wolle lieferte, aber auch Charqui, luftgetrocknetes und dann in Streifen geschnittenes, cholesterin- und fettarmes Fleisch. Hauptfleischquelle aber war bis in die Inkazeit hinein das “Cuy”, das (gegrillte) Meerschweinchen.

Die gehobene Textilindustrie schöpft noch heute – wie schon die alle Kenntnisse aufsaugenden Inkas – vom Erbe der Chavin, Paracas und Nazca, deren berühmten Linien bzw. Geoglyphen auch Lamas zeigen. Als exklusivste Luxusfasern gelten Vicuña-, Royal- und Baby-Alpakawolle. Bereits in den erloschenen Kulturen waren die feinsten dieser Fasern, die man deshalb später auch zum  „goldenen Vlies der Anden“ erhob, nur den wichtigsten und mächtigsten Personen vorbehalten. Denn das daraus gewebte Tuch war ein absolutes Statussymbol und durfte nur von Angehörigen der oberen Gesellschaftsschicht getragen werden.

Bei den Alpakas, deren Wolle nicht nur wärmer und leichter, sondern auch fester und haltbarer als die von Edelschafen ist, ergibt die erste Schur die weichste und feinste Faser. Noch wertvoller ist freilich das Fell des Vicuña, dessen Faser nur 12 Mikrometer (0,012 mm) beträgt und damit subtiler ist als das der berühmten Kaschmir-Ziege. Zur Erlangung dieses seltenen und doch regenerativen Rohstoffes werden die grazilen, wild lebenden Vicuñas – auch das eine alte Inka-Tradition – in einem sog. “chaccu” zusammengetrieben, dann vorsichtig geschoren und wieder unversehrt freigelassen (siehe Teil 2).

» Zum Teil 2

Autor des Beitrages: Südamerika Reiseportal (www.suedamerika-reiseportal.de)

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