Ecuador: Das Herz von Quito

11. Juni 2007 | Von | Kategorie: Magazin

Das Herz, so sagt man, ist der Motor des Lebens. Unermüdlich schlägt es – von der Geburt bis zum Tod und pumpt mit unerhörter Ausdauer und Präzision den Lebenssaft durch die Adern. Das Herz sitzt im Zentrum des Seins. Es ist Quell von Emotionen und Ambitionen, die uns leiten, uns verführen und die unsere Welt verändern.

Seit den Zeiten spanischen Konquistadoren pulsiert das Leben in den Straßen Quitos, der Hauptstadt Ekuadors. Das Leben hier hat einen unverwechselbaren Rhythmus. Vielleicht liegt das daran, dass das Herz von Quito nicht herzförmig sondern rechteckig ist.

Das Herz von Quito ist nämlich ein Platz. Er gibt der Stadt die Richtung vor: alle Straßen der Altstadt orientieren sich an seiner Lage. Zwei wichtige Verkehrsadern, die Calle García Moreno und die Carrera Venezuela, umrahmen ihn und verbinden die Alt- und Neustadt miteinander. Am Herzen von Quito konzentriert sich alle geistliche und weltliche Macht, hier ist die Geschichte Quitos und Ekuadors allgegenwärtig, hier wird die Zukunft von Stadt und Land gemacht.

Die schlichte Kathedrale nimmt die ganze südwestliche Seite des Platzes ein. An der weiß getünchten Außenwand der Kirche sind Plaketten angebracht, auf denen die Namen der spanischen Stadtgründer eingelassen sind. Imposante Eingangsportale aus riesigen grauen Natursteinquadern führen ins kühle Innere des Gotteshauses. Hier ruhen die Gebeine von Marschall Sucre, dessen Truppen im Jahr 1822 in der entscheidenden Schlacht im Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier siegten. Dem erfolgreichen Kampf verdankt Quitos Herz seinen heutigen Namen.

Direkt gegenüber der Kathedrale liegt der liebevoll renovierte alte erzbischöfliche Palast (Palacio del Arzobispo). Die kirchlichen Würdenträger haben den kolonialen Bau jedoch längst zugunsten der Konsumgötter räumen müssen: hinter den Arkadenbögen genießen Einheimische und Touristen ein stilvolles Einkaufsambiente.

Im Nordwesten des Platzes steht der Sitz des ekuadorianischen Staatspräsidenten und der Regierung, der Palacio Presidencial oder Palacio del Gobierno. Hinter dem flachen, zweistöckigen Gebäude steigt die mächtige, dunkle Silhouette des Vulkans Pichincha empor. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes wurde das moderne Rathaus der Stadt errichtet. Obwohl aus Beton, harmoniert der Palacio Municipal ganz gut mit den historischen Bauten um ihn herum.

Das Herz von Quito ist grün: eine kleine, gepflegte Parkanlage mit bunten Orchideen und hohen Palmen inmitten des Häusermeeres, mehrere Wege führen durch diese winzige Oase. Manchmal kann man hier sogar Kolibris dabei beobachten, wie sie mit ihren bizarren, langen Schnäbeln Nektar aus tiefen Blütenkelchen schlürfen.

Das Herz von Quito ist dauernd in Bewegung: viele, ja unzählige, Menschen passieren es jede Stunde, jeden Tag. Viele queren den Platz auf dem Weg zu ihren Büros und Arbeitsstellen. Andere wollen in einem der umliegenden Regierungsbehörden einen wichtigen Stempel oder ein dringend benötigtes Papier abholen. Nahezu jeder Reiseführer über Quito beginnt den Rundgang durch die ecuadorianische Hauptstadt an dieser Stelle. Daher brechen von hier die Touristen auf, um die engen Straßen der malerischen, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt zu erkunden. Beobachtet werden sie dabei von den Rentnern, die es sich auf der einen oder anderen Bank bequem gemacht haben und deren Gespräche sich um die goldenen aber vergangenen Zeiten drehen. Indio-Frauen aus Otovalo mit ihren üppigen goldenen Halsketten bewegen sich schwer bepackt zwischen den alten Gebäuden. Unentwegt versuchen fliegende Händlern am Rande des Platzes und in den umliegenden Straßen, Kaugummi, Erdnüsse, Haushaltswaren und bunte Handygehäuse an die Frau oder den Mann zu bringen. Immer wieder jagen Kinder laut kreischend die Tauben auseinander. Manchmal bleiben sie dabei abrupt – wie erstarrt – stehen – erschreckt von der dunklen Gestalt eines Obdachlosen. Manche dieser Bettler hat das Alter gebeugt, andere sind fast noch Kinder, alle aber tragen armselig, schmutzige Kleider. Ihren Gesichtern sieht man die Not an. Und doch sind sie wie niemand anderes verbunden mit dem Herzen Quitos: nachts, wenn sie auf einer der Bänke ausgestreckt versuchen, zu schlafen und von einem Wunder zu träumen, oder tagsüber, wenn sie die Sonne und das um sie herum tobende Leben auf diesem Platz für Augenblicke aus vollen Zügen zu genießen scheinen.

Das Herz von Quito ist die Plaza de la Independencia, der Unabhängigkeitsplatz. Quitos Herz mag zwar aus Stein sein, aber es ist voller Leben, voller Erinnerungen, voller Emotionen und voller Visionen. Hier ist der Atem längst vergangener Zeiten zu spüren, man kann innehalten und sich der Schönheit des Augenblicks hingeben oder man hastet weiter, der Zukunft entgegen. Die Plaza de la Independencia ist Zentrum, Motor und Spiegelbild dieser Stadt und dieses kleinen Andenlandes. Wer ein wenig Ekuador und seine Menschen kennen und verstehen lernen möchte, für den gibt es keinen besseren Ort als mitten im Herzen von Quito: eine Parkbank auf der Plaza de la Independencia.

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