Ecuador: Der Park der Leguane

12. Mai 2008 | Von | Kategorie: Natur und Ökologie

Der Lärm der Stadt und die Hitze lassen den Leguan kalt, auch der unablässig vorbei fließende Strom von Menschen lässt ihn völlig unbeeindruckt. Gebieterisch reckt die Echse ihren markanten Kopf in die Höhe, bewegt ihn in kräftigen, rhythmischen Bewegungen auf- und abwärts. Damit zeigt das Tier allen: das ist mein Revier und hier bin ich der Größte! Das besondere an seinem Zuhause: es liegt mitten in der Millionenstadt Guayaquil.

Irgendwann einmal muss ein glücklicher Zufall ein trächtiges Leguanweibchen hierher verschlagen haben, in diesen kleinen Park im Zentrum Guayaquils, Ecuadors Metropole am pazifischen Ozean. Seine Eier hat es vielleicht direkt vor der mächtigen Kathedrale an der Westseite des Platzes abgelegt –sorgfältig versteckt natürlich. Die kleinen Leguane, die aus ihnen schlüpften, begannen schnell, das Viereck des Platzes bis in den letzten Winkel zu erkunden. Heute haben ihre Nachkommen und weitere “Zuwanderer“ längst die ganze Fläche zwischen den Straßen “Clemete Ballén y Millán“ im Norden, “10 de Agosto“ im Süden, der “Chile-Straße“ im Osten und der “Chimborazo-Straße“ im Westen für sich erobert. Nicht von ungefähr trägt dieser einzigartige Ort heute den Namen seiner tierischen Invasoren: Parque de las Iguanas – Park der Leguane.

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Ohne Zweifel ist dieser Park einer der liebenswertesten Flecken Südamerikas. Man kann Stunden hier verbringen und immer wieder neues entdecken. “Ardillas“, die mit ihren buschigen Schwänzen unseren Eichhörnchen sehr ähnlich sehen, liefern sich wilde Verfolgungsjagden auf den Bäumen des Parks – und überspringen dabei immer wieder einmal eine Echse, die träge einen Stamm hinauf- oder hinuterklettert. Wasserschildkröten dösen in mehreren Becken im Südwesten des Platzes vor sich hin, und die Tauben zeigen wenig Respekt vor dem Simón-Bolívar-Denkmal und nutzen es immer wieder als Landeplatz. Gerade für Familien mit Kindern ist der kleine Park mit seinen Tieren “zum Anfassen“ ein großer Spaß. Besonders beliebt ist es bei den Kleinen, den Leguanen bei der Fütterung zuzuschauen oder die raue Haut der geduldigen Pflanzenfresser zu streicheln. Besonders gerne fressen die Reptilien übrigens Salat und anderes Grünzeug.

Man sieht Schüler in ihren mitunter farbenfrohen Uniformen, die auf dem Weg in die nahe gelegene Stadtbibliothek hier einen Zwischenstopp einlegen, Angestellte aus den umliegenden Büros, die hier ihre Mittagspause verbringen, Geschäftsleute, die die aktuellen Zeitungsberichte (natürlich den Sportteil) diskutieren, verliebte Paare, die sich auf einer der Parkbänke tief in die Augen schauen oder staunende Touristen, die sich an den Leguanen nicht satt sehen können – für alle dieses Menschen ist der “Parque de las Iguanas“ wie eine ruhige, grüne Trauminsel inmitten des unendlichen Häusermeers Guayaquils.

Obwohl der “Parque de las Iguanas“ bei Einheimischen wie Besuchern der Stadt außerordentlich beliebt ist, wissen die wenigsten seiner Besucher, dass er eigentlich einen ganz anderen Namen trägt und zudem zu den geschichtsträchtigsten Stätten Guayaquils gehört.

Tatsächlich wurde der Platz bereits im Jahre 1695 von den Spaniern als “Plaza de Armas“ (zentraler Stadt- und Exzerzierplatz) angelegt. Um ihn herum waren die wichtigsten Gebäude der Stadt gruppiert: das Rathaus, die Hauptkirche (an ihrer Stelle steht heute die Kathedrale), der Sitz des spanischen Kommandanten. Hier fanden zu jener Zeit auch die religiösen Prozessionen statt. Leider ist von der kolonialen Bebauung heute nichts mehr erhalten – auch wegen der vielen Feuersbrünste, die die Stadt immer wieder heimsuchten.

Sternpark (“Parque de la Estrella“) hieß der Platz dann Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Bezeichnung verdankte er einem großen, dunklen achteckigen Stein, der in das Pflaster eingearbeitet worden war. Im Laufe der Jahre wandelte sich der Park immer mehr von religiösen Zentrum zum Herz des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens in der Stadt, vor allem war er der zentrale Festplatz für die großen Fiestas, die jedes Jahr im Oktober in Gedenken an die Unabhängigkeitserklärung Guayaquils von der spanischen Krone gefeiert wurden.

Im November 1872 wurde ein Komitee ins Leben gerufen, um im Zentrum des Platzes eine Statue des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simón Bolívar zu errichten. Aus den Entwürfen vieler großer europäischer und amerikanischer Künstler wählte das Komitee schließlich den Vorschlag des italienischen Bildhauers Giovanni Anderlini aus. Es sollten jedoch noch 17 Jahre vergehen und die enorme Summe von 20.000 Goldpesos verschlingen, bis die Status am 24. Juli 1888 – dem 106. Geburtstag Bolívars – endlich eingeweiht werden konnte. Fortan hieß der Platz natürlich “Plaza Bolívar“.

Dank einer großzügigen Spende des einheimischen Geschäftsmannes Manuel Suárez Seminario konnte die “Plaza Bolívar“ 1895 neu gestaltet werden: Grünflächen wurden angelegt, Bäume gepflanzt, Wege angelegt und als besondere Attraktion ein schmiedeeiserner Pavillion errichtet (der übrigens aus Hamburg stammen soll). Aus dem steinernen Platz wurde ein lieblicher kleiner Stadtpark, der bis heute nahezu unverändert erhalten geblieben ist. Zu Ehren des Spenders wurde die “Plaza Bolívar“ natürlich in “Parque de Seminario“ umbenannt. Diesen Namen trägt der Park offiziell noch heute, doch dank der Invasion und der exzellenten “Public Relations“ der Leguane kennen ihn die meisten der 3 Millionen “Guayacos“, wie sich die Einwohner Guayaquils nennen, und ihre Besucher aus dem In- und Ausland heute nur als “Parque de las Iguanas – Park der Leguane“.

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