Ecuador: Der Spiegel des Lebens

21. Januar 2010 | Von | Kategorie: Reisen

Kurz nach vier Uhr nachmittags wird der Verkehr im Zentrum Guayaquils immer dichter. Die Straßen scheinen vor Hitze zu kochen. Die Abgase zahlloser Autos durchziehen flimmernd die schwere, feuchte Luft. Ein tausendstimmiges Hupkonzert betäubt die Sinne. Hier und dort setzen die mannshohen Blaster eines Elektronikshops mit stakkatoartig hämmernden Latinorhythmen Akzente. Quirlige Menschenmassen schieben sich voran, rechts und links auf den Bürgersteigen, zwischen den Autos, an den Haltestellen der Metro-Busse, überall.

Auf der Avenida Quito, einer der Hauptverkehrsadern der ecuadorianischen Metropole, gerät alles plötzlich ins Stocken. Mitten auf den Fahrbahnen bewegen sich vielleicht 80 Personen langsam, bedächtig, nordwärts. Sie scheinen der lärmenden und hektischen Atmosphäre der Stadt seltsam entrückt. Rote Ampeln und Zebrastreifen ignorieren sie genauso wie die hinter Ihnen festsitzende, hupende Blechlawine. Trotz der hohen Temperaturen tragen die meisten der Gruppe dunkle Kleidung. Manche singen, einige scheinen in sich gekehrt, andere trinken glasklares Hochprozentiges aus bauchigen Flaschen. An der Spitze des Zuges marschieren vier Männer in schwarzen Anzügen. Sie schwitzen unter ihrer Last. Auf ihren Schultern ruht ein geliebter Mensch, tot, in seinem Sarg.

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Der Trauerzug ist vielleicht noch drei, vier Cuadras (Straßenblocks) von seinem Ziel entfernt. Es liegt direkt jenseits der Calle Julián Coronel, vom Rest der Stadt nur durch eine weißgraue Mauer mit aufgesetztem, schmiedeeisernem Zaun getrennt. Sechs Tore durchbrechen diese Barriere. Fast alle sind mit dicken Ketten verschlossen. Die “Puerta No. 3“ aber ist eines der beiden Portale, die Einlass gewähren auf den Cementerio General, den Zentralfriedhof von Guayaquil.

Ein Wachmann, in schwarzer Uniform und mit großkalibrigem Revolver im Gürtel, fungiert als Portier. Mit bedeutungsschwerer Gestik öffnet er das überdimensionale Vorhängeschloss. Die eisernen Flügeltüren von “Puerta No. 3“ schwingen zurück und geben den Weg frei hinein in die Stadt der Toten.

Als ich durch das Tor gehe, bleibt der Lärm der Stadt auf wundersame Weise zurück. Eine herrliche Palmenallee empfängt mich, für einen Augenblick fühle ich mich wie an der Côte d´Azur. Rechts und links flankieren prächtige Mausoleen den Boulevard. Wie vornehme Villen sehen sie aus mit ihren herrschaftlichen Marmorfassaden, den feinen Ornamenten und schönen Statuen. Mein Blick folgt den wundervollen Bäumen und bleibt an einer riesigen Statue am Ende der Allee hängen.

“ Das ist der Präsident Vicente Rocafuerte. Er ist Guayquileño, hat hier viel gegen die Gelbfieber-Epidemien unternommen“, erklärt mir der Wachmann. “Ein ein guter Präsident also?“, frage ich. “Wie man´s nimmt”, antwortet der Uniformierte. “Außerdem spielt das jetzt eh keine Rolle mehr. Ob gut oder schlecht – hier sind alle gleich.“

Tatsächlich? Alle sind hier gleich? Ich erkunde das riesige Friedhofsgelände. Lese Inschriften in Spanisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch. Entdecke die Grabmale Eloy Alfaros, Víctor Emilio Estradas, Alfredo Baquerizo Morenos, alle drei waren Präsidenten Ecuadors. Bewundere die Mausoleen von José María Villamil, Diego Noboa Arteta, beide Mitunterzeichner der legendären Unabhängigkeitserklärung, mit der sich Guayaquil 1820 von der spanischen Krone lossagte. Besuche die letzte Ruhestätte von Julio Alfredo Jaramillo Laurido. Der legendäre Sänger hat die Welt nicht nur mit seiner Musik sondern auch mit mehr als 40 Kindern – verstreut in ganz Lateinamerika – beglückt.

Und ich stelle fest, dass sich die Reichen und Berühmten offenbar nicht gerne unter das gemeine Volk begeben. Zumindest hier bleiben sie lieber unter sich. Ihre vornehmen Viertel liegen vorzugweise an den Hauptwegen des Cementerio General, vor allem in dem Abschnitt zwischen den Puertas No. 3 und 4. Ycaza, Baquerizo, Luque – große Lettern in den Giebeln der mitunter monumentalen Mausoleen verkünden die illustren Namen und lassen jeden wissen, wer hier ruht! Sehen und gesehen werden, zeigen was man hat(te) – ganz offensichtlich auch im Jenseits wichtig!

Zwischen den Zonen der Reichen liegen die Grabstätten der Mittelklasse: uniforme, weiße, vielstöckige Krypten, jede Kammer bietet gerade Platz genug für den Sarg. Alles ist sauber, geordnet und organisiert. Die bunte Blumengirlande, das Kinderbild, die Kerze – hier sind es die kleinen Dinge, mit denen die Lebenden den Verstorbenen ihre Verehrung und Liebe zeigen.

Und die Gräber der Armen? Zu ihnen führen keine festen Wege. Wie die Barrios Populares oder Favelas in vielen lateinamerikanischen Metropolen liegen die Grabstellen der Mittellosen oben, hoch über der Totenstadt, schmiegen sich bunt, unorganisiert, chaotisch an die schwer zugänglichen Hängen des Cerro Carmen. An all die anonymen Seelen, die sich nicht einmal dort eine letzte Ruhestätte leisten konnten, erinnert ein einfacher Altar inmitten dieses Gräberfeldes.

Die Menschen sind offenbar gerne mit Ihresgleichen vereint. Auch im Tod. Ganze Abschnitte des Cementerio General sind Angehörigen bestimmter Organisationen, Berufsgruppen oder Glaubensrichtungen vorbehalten. Ein Winkel zum Beispiel ist den Verstorbenen der „Sociedad Española“ zugewiesen, ein anderer – überragt von einem schlanken Obelisken – für die Toten des Feuerwehrkorps von Guayaquil reserviert. Am Tor zum Mausoleum der Taxifahrergewerkschaft kann ich der Versuchung kaum widerstehen, eine der gelben Droschken zu bestellen. Natürlich gibt es auch einen jüdischen Friedhofsteil. Leiberg, Guttmann, Koppel – auffällig viele deutsche Namen zieren die Gräber mit dem Davidstern. Fast alle Gräber datieren hier nach 1935.

“ Wie hat dir unser Friedhof gefallen“, fragt mich der Wachmann, bevor er mich durch die “Puerta No. 3“ wieder in den Trubel draußen entlässt. Ich erzähle ihm meine Eindrücke. Er nickt kaum merklich den Kopf und sagt zum Abschied: “Nun, dieser Friedhof ist wie die Stadt, wie Guayaquil. Er ist ein Spiegelbild des realen Lebens.“ Dann nimmt eine ankommende Trauergemeinde seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Das Leben geht weiter.

[dropshadowbox border_width=“1″  inside_shadow = „false“ width=“100%“]Info Cementerio General

Heute ist der Cemeterio General der wichtigste Friedhof Guayaquils und gehört zu den größten touristischen Attraktionen der Metropole. Seine Ursprünge reichen zurück bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Damals brachen immer wieder Seuchen aus, die viele Opfer unter den Einwohnern forderten. Um die Leichen schnell bestatten zu können, legte man außerhalb der Stadt, am Fuß des Cerro Carmen, ein neues Gräberfeld an. Dennoch bestatteten in den folgenden Jahrzehnten viele Guayquileños ihre Toten weiterhin an den traditionellen Stellen auf der in der Mündung des Río Guayas gelegenen Insel Puná. Erst 1823, als wieder eine fürchterliche Gelbfieberepidemie in der Stadt wütete, wurde der Friedhof auf Weisung des südamerikanischen Volkshelden und Freiheitskämpfers Símon Bolívar offiziell geweiht. Weil die katholischen Würdenträger den spirituellen Frieden der Verstorbenen in Gefahr sahen, wurde bald einige Hundert Meter entfernt ein zweiter Friedhof für Protestanten und andere Religionen gegründet. Später verschmolzen die beiden Gottesäcker zum Cementerio General – offenbar ohne dass eine einzige Seele daran Schaden genommen hat.

Das Friedhofsareal umfasst beinahe 17 Hektar; es liegt heute inmitten der Millionenstadt. Die Straßen, die das Gelände umgeben, heißen im Volksmund „Calles de los lamentos“ (Straßen der Wehklagen) genannt. Denn an ihren Rändern finden sich viele Einrichtungen und Institutionen, die mit Krankheit, Alter, Gebrechen und Tod in Verbindung gebracht werden: Krankenhäuser, eine Klinik für Geisteskranke und der Friedhof selbst.

Über 700.000 Menschen haben auf dem Cementerio General ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter 17 Präsidenten und fünf Vizepräsidenten Ecuadors. Das älteste Grab ist das von Juana Rosa Julia Correa y Pareja: sie starb 1831 im Alter von gerade einmal anderthalb Jahren. Fast an jedem Tag finden neue Beerdigungen statt.

An die 1.200 Grabstätten und Mausoleen gelten als wahre architektonische Schätze. Die meisten davon stammen aus der Zeit zwischen 1850 und 1970. Ihre wundervollen Fresken und Skulpturen, geschaffen von einheimischen und europäischen Künstlern in unterschiedlichsten Stilrichtungen, sorgen für eine einzigartige Atmosphäre – vergleichbar vielleicht nur noch mit dem berühmten Recoleta-Friedhof in Buenos Aires (Argentinien). Nicht zuletzt deshalb erklärte Ecuador den Cementerio General im Jahr 2003 zum nationalen Kulturgut.[/dropshadowbox]

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