Ecuador: Von Judasziegen und blauen Füßen

12. Dezember 2006 | Von | Kategorie: Reisen

Seine Angebetete nicht aus den Augen lassend, stolziert er langsam vor seinem Heim auf und ab und zeigt dabei bedächtig seine großen, leuchtend blauen Füße. Woher er bloß dieses unwiderstehliche Blau hat? Dann überreicht er ihr zärtlich sein sorgsam ausgewähltes Geschenk – etwas Weiches, Kuscheliges für das gemeinsame Nest – und schlägt dann ganz aufgeregt mit den Flügeln. Wie auf ein geheimes Kommando recken plötzlich beide Vögel ihre Schnäbel senkrecht in die Luft, zeigen ihre Flügel und geben das schönste Blautölpel-Liebesduett zum Besten, das man sich vorstellen kann: er pfeifend – sie stöhnend. Bei ihrem leidenschaftlichen Balzspiel lassen sich die zwei von niemandem stören, schon gar nicht von der kaum drei Meter entfernten, staunenden Touristengruppe. Wir sind auf Española, der südlichsten der Galápagos-Inseln.

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Es ist die isolierte Lage des Archipels, der tierische Bewohner diese Gelassenheit und seine menschlichen Besucher dieses Naturschauspiel verdanken. Die Küste Ecuadors, zu der Galápagos politisch gehört, ist rund 1.000 km entfernt. Die fünf Dutzend Inseln, davon 13 größere, sind vulkanischen Ursprungs, vor drei bis fünf Millionen Jahren aus den Tiefen des pazifischen Ozeans emporgestiegen. Mit dem südamerikanischen Kontinent waren sie nie verbunden.

Die ersten Pflanzen und Tiere sind wohl eher zufällig und unfreiwillig hier angespült worden. Den Neuankömmlingen forderten die unwirtlichen Bedingungen der trockenen und felsigen Inselgruppe große Anpassungen ab. In Jahrmillionen entwickelte sich so eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Mehr als zwei Drittel der auf den Galápagos-Inseln lebenden Tierarten sind endemisch, das heißt, es gibt sie nur hier. Im Vergleich zum Festland ist die Artenvielfalt jedoch gering. Die einzigen Säugetiere sind Seelöwen und Robben, ansonsten leben hier nur Vögel, Echsen und Schildkröten. Es gibt nur wenige Jäger, Landraubtiere gehören nicht dazu. Daher haben die Tiere auf den Inseln im Laufe der Zeit ihren Fluchtinstinkt verloren – und lassen sich nun aus nächster Nähe beobachten.

„Welch ein Naturparadies!“ „Ein wirklicher Garten Eden!“ Immer wieder bricht die pure Begeisterung aus den Menschen heraus, die das Glück haben, die Inselwelt der Galápagos persönlich erleben zu können. Dem Auge des Besuchers bleibt meistens verborgen, dass dieses ungewöhnliche Natur-Paradies tatsächlich gegen immense Probleme ankämpft.

Nach ihrer Entdeckung 1535 nutzten zunächst Piraten, Walfänger und Fischer die Inseln lange als Versorgungsbasis. Sie brachten auf ihren Schiffen Haustiere mit: Rinder, Ziegen, Schweine und Hunde. Ratten und Mäuse kamen als blinde Passagiere. Einige dieser Tiere entkamen und bildeten wilde Populationen, die noch heute die Existenz vieler einheimischer Arten gefährden. Schweine wühlen am Strand Schildkröteneier aus dem Sand, Ratten fressen Seevögelgelege und junge Schildkröten, streunende Hunde richten unter den zutraulichen Leguanen, die keine Fressfeinde kennen, ein Blutbad an. Das biologische Gleichgewicht ist empfindlich gestört. Millionen Dollar müssen – wie zum Beispiel beim „Projekt Isabela“ – aufgewendet werden, um gegen die aggressiven Invasoren vorzugehen.

Das Projekt „Isabela“ und die Judasziege

Die Insel Isabela nimmt mit einer Fläche von 4.588 Quadratkilometer die Hälfte der gesamten Landfläche des Galápagos-Archipels ein. Sie ist die Heimat der urtümlichen Galápagos-Riesenschildkröten, die vor allem den Norden der Insel bevölkern. Bis die Ziegen auch dorthin kamen! Mitte der 1970er Jahre gab es dort noch so gut wie keine dieser robusten Paarhufer. Zwei Jahrzehnte später jedoch lebten bereits geschätzte 100.000 Ziegen im Gebiet der Schildkröten. Woher sie kamen, lässt sich nur vermuten. Einige werden von den Fischerbooten entkommen sein, die sie als lebenden Frischfleischvorrat mit sich führten. In dem umwegsamen Gelände vermehrten sie sich explosionsartig und fraßen die Insel sprichwörtlich kahl. Die Nahrungsgrundlage der Schildkröten war zerstört, die Panzertiere sahen dem Hungertod ins Auge. Mit ihnen war die gesamte, einzigartige einheimische Flora und Fauna bedroht.

In höchster Not begannen die Nationalparkverwaltung und die Charles-Darwin-Stiftung 1998 mit dem „Projekt Isabela“: der vollständigen Ausrottung der Ziegen auf der Insel. Zunächst wurden die Tiere wegen der Unzugänglichkeit des Gebiets aus der Luft bejagt. Nach hunderten Flügen bereits dezimiert, wurden die nun kleineren Herden von Jägern verfolgt. Immer wieder konnten Gruppen der Paarhufer den Häschern aber entkommen. Da kam dann die „Judasziege“ ins Spiel. Man fing eine der Ziegen ein, tötete sie jedoch nicht. Vielmehr band man ihr einen kleinen Sender um den Hals und ließ sie wieder frei. Ziegen sind gesellige Tiere, und so streifte das freigelassene Tier suchend umher, bis es endlich eine Herde seiner Artgenossen gefunden hatte. Doch dem Signal des Senders waren bereits die Jäger gefolgt und töteten die gesamte Ziegenherde, bis eben auf die „Judasziege“. Die – nun wieder allein – wurde erneut auf die Suche geschickt. Und sie machte ihrem Namen alle Ehre und lieferte – wenn auch unfreiwillig – einen Artgenossen nach dem anderen an die Naturschützer aus.

Was niemand vor acht Jahren für möglich gehalten hatte: im Juli 2006 konnten Nationalparkverwaltung und die Charles-Darwin-Stiftung erleichtert vermelden: Der Norden Isabelas ist ziegenfrei! Über 200.000 Ziegen und mehrere Millionen US-Dollar waren dem „Projekt Isabella“ bis dahin zum Opfer gefallen.

Das größte Problem der Inseln ist heute jedoch die stetig zunehmende Zahl von Migranten vom ecuadorianischen Festland und Touristen, die nach Galápagos strömen.

Bei Gründung des Nationalparks Galápagos im Jahre 1959 lebten nicht einmal 2.000 Siedler auf den Inseln, 1972 waren es bereits 3.500. Heute dürfte der Archipel deutlich mehr als 25.000 Einwohner haben. Allein im größten Ort Puerto Ayora auf Santa Cruz leben jetzt mehr als 16.500 Menschen. Viele Zuwanderer vom Festland stammen aus einfachen Verhältnissen. Sie kommen in der Hoffnung, am boomenden Galápagos teilhaben zu können. Denn die Zahl der Touristen nimmt trotz Besucherbeschränkungen weiter zu. Im vergangenen Jahr sollen erstmals mehr als 100.000 Reisende auf die Inseln gekommen sein.

Mehr Menschen benötigen jedoch mehr Raum – Platz, der nicht vorhanden ist. 97 Prozent der Landfläche des Archipels nimmt der Nationalpark ein; sie ist damit für die Besiedlung tabu. Auch müssen für Einheimische wie Touristen so gut wie alle Lebensmittel und sonstigen Güter per Schiff oder Flugzeug vom Festland importiert werden. Trinkwasser ist auf den trockenen Vulkaninseln ohnehin ein knappes Gut; Kanalisation und Müllbeseitigung sind für so viele Menschen nicht ausgelegt. Sollte man bei diesen offenbar kaum handhabbaren Folgeproblemen den Galápagos-Tourismus zum Schutz der Natur nicht besser einstellen?

Fakt ist, dass die Naturliebhaber, die zu den Inseln reisen, viel Geld in die ecuadorianische Wirtschaft und in die Staatskasse pumpen. Daher hat die Regierung Ecuadors ein großes Interesse am Schutz des Archipels. Große Anstrengungen wie z.B. das „Projekt Isabela“ werden unternommen, den natürlichen Reichtum der Region und damit seine touristische Attraktivität zu bewahren. Ohne die wirtschaftliche Bedeutung des Fremdenverkehrs würde kaum ein Politiker solche Ressourcen in den Naturschutz investieren. Tourismus ist also überlebenswichtig für den Naturschutz auf den Inseln. Doch wie soll er aussehen? Die verschiedenen Interessengruppen sind sich darüber – noch – nicht einig.

Die Einheimischen beklagen, dass sie selbst derzeit nur unzureichend vom Tourismus profitieren. Die größten Nutznießer seien die großen Agenturen und Veranstalter auf dem Festland, die auch die Mehrzahl der Touristenschiffe besitzen. Die auf den Inseln ansässigen Menschen fühlen sich durch die strengen Naturschutzbestimmungen gehindert, selbst aktiv am Tourismusgeschäft zu partizipieren. Immer wieder kommt es deshalb zu teilweise gewalttätigen Konflikten mit den Naturschutzorganisationen. Jedoch reift bei den Verantwortlichen langsam die Erkenntnis, dass nur ein Tourismus-Konzept, das von allen beteiligten Bevölkerungsgruppen getragen wird, eine reelle Chance bedeutet für das seltsame Natur-Paradies Galápagos, für die Riesenschildkröte und den Blautölpel.

Womit wir wieder bei dem unwiderstehlichen Blau der Blautölpel-Füße wären. Woher die Farbe stammt? Nun, sie ist direkt der Schöpfungsgeschichte entsprungen: Denn „zunächst war das Nichts, und das Nichts war blau. Über dem Nichts schweben die Götter, die zugleich Dichter sind. Sie erschaffen die Welt als ihr Publikum, die Weltmeere aus Tinte, einen Vogel als Dichterboten, der göttergleich fliegt, aber tölpelhaft wie ein Dichter im Wasser – pardon: in der Tinte – watschelt.“ Und seitdem gibt es einen seltsamen Vogel mit großen, leuchtend blauen Füßen. Das steht zumindest in der Zeitschrift „Mare“, und die ist ja gewöhnlich gut informiert über alles, was mit dem Meer zu tun hat.

Allgemeine Reiseinfo

Galápagos ist das ganze Jahr über eine Reise wert. Wildtiere sind immer zu sehen, die verschiedenen Vogelarten brüten zu unterschiedlichen Zeiten. Lediglich wenn man Albatrosse beobachten möchte, sollte man die Zeit zwischen Mitte Dezember bis Ende März meiden: dann befinden sich die meisten dieser Vögel auf hoher See.

Da die Inseln am Äquator liegen, gibt es keine echten Jahreszeiten wie in Europa. Es gibt jedoch eine Regenzeit, die etwa von Januar bis Juni dauert. Sie ist relativ warm und zwischen den gelegentlichen Regenschauern darf man sich auf sonnige Zeiten freuen. Der Februar ist der wärmste Monat, im März und April sind die Temperaturen etwas niedriger. Die Trockenzeit nimmt den Rest des Jahres (Juli bis Dezember) ein. Sie ist generell etwas kühler als die Regenzeit, oftmals ist es auch nebelig. Wenn man zu dieser Jahreszeit reist, sollte man daher einen warmen Pullover mitnehmen.

Fast jede Insel des Archipels hat einen ganz eigenen Charakter. Manche Tierarten kommen nur auf einer Insel vor, z.B. gibt es eine Leguanart nur auf der kleinen Insel Santa Fé, die Blautölpel finden sich zu großen Kolonien Española und Seymour ein, während ihre Verwandten mit den roten Füßen, die Rottölpel, zur Aufzucht ihrer Jungen die weit abgelegene Insel Genovesa bevorzugen. Daher bietet sich „Insel-Hopping“ an: mit kleinen Yachten oder größeren Schiffen kann man sich auf Rundreisen die Besonderheiten jeder Insel erschließen. Die Gruppen werden immer von einheimischen Guides begleitet, die viel interessantes über Natur, Tiere und Geschichte des Archipels erzählen können. Für Tauch- und Schnorchelenthusiasten bieten sich zahlreiche Gelegenheiten zu ausgedehnten Tauch- und Schorchelgängen.

Wie hinkommen?

Die schnellste und zuverlässigste Art die Inseln zu erreichen, ist per Flugzeug von den ecuadorianischen Metropolen Quito oder Guayaquil aus anzureisen. Natürlich laufen auch verschiedenen Kreuzfahrtschiffe Galápagos an, es besteht jedoch kein regelmäßiger Passagierdienst mit dem Schiff vom und zum südamerikanischen Kontinent.

Mehrere Reiseveranstalter – darunter Meiers Weltreisen, Studiosus, Chamäleon Tours – haben Trips auf den Galágagos-Inseln im Programm – oftmals in Verbindung mit einer Rundreise auf dem ecuadorianischen Festland. Die Preise sind recht hoch – wobei das teuerste Angebot nicht immer auch das qualitativ beste sein muss. Auf Tauchreisen spezialisierte Veranstalter bieten für ihre Zielgruppe konzipierte Erlebnisreisen an.

Natürlich kann man auch selbst in einer der zahlreichen Agenturen in Quito oder Guayaquil seine Tour zusammenstellen. Allerdings sollten vor der Buchung man die Angebote mehrere Unternehmen verglichen werden.

Auf die Inseln zu reisen, um vor Ort dann nach Schnäppchen zu schauen, empfiehlt sich nicht. Oftmals muss man dann lange auf eine Koje warten. Die bekommt man dann auch nicht billiger als bei vorheriger Buchung auf dem Festland – hat aber zuvor viel Zeit und Geld (teuere Lebenshaltung) auf den Galápagos bereits verloren. Der Eintritt in den Nationalpark selbst kostet im Übrigen für alle ausländischen Reisenden gleich 100.00 US-Dollar.

 [dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Interessante Links

Ecuadors Tourismuszentrale
Deutschsprachige Homepage der ecuadorianischen Zentrale für Tourismus (Fondo Mixto de Promoción Turística del Ecuador) mit zahlreichen Landesinfos und Veranstalterhinweisen

Nationalpark Galápagos
Die Website der Nationalparkverwaltung auf den Galápagos bietet vielen Informationen zu Flora und Fauna und den vielfältigen Naturschutzprogrammen auf den Inseln. Englisch / SpanischCharles

Darwin Stiftung
1959 unter der Schirmherrschaft von UNESCO und ”World Conservation Union” (IUCN) gegründet, ist das erklärte Ziel der Stiftung der der Schutz und die Erhaltung der einmaligen Ökosysteme der Galápaogs-Inseln. Englisch / Spanisch

Galápagos Conservancy
Die Nichtregierungsorganisation ist aus dem 2005 erfolgten Zusammenschluss der Charles Darwin Scientific Foundation und der Charles Darwin Foundation entstanden. Englisch / Spanisch

Das komplette Werk von Charles Darwin
Auf der Website sind die u.a. Originalmanuskripte / Tagebucheintragungen von Charles Darwin während seiner Reise zu den Galápagos-Inseln online einseh- und abrufbar. Umfangreiche weitere Materialien- und Literatursammlung zu Darwin. Englisch

Instituto Nacional Galapagos
Die Regierungsbehörde ist verantwortlich für die Planung, Koordinierung und Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklungspolitik auf den Galapagosinseln. Spanisch.

TAME-Airlines
Die ecuadorianische Fluggesellschaft fliegt von Guyaquil und Quito die Flugplätze auf den Inseln Baltra und San Cristobal im Galápagos-Archipel an.

AeroGalD
Die ecuadorianische Fluggesellschaft fliegt von Guyaquil und Quito die Flugplätze auf den Inseln Baltra und Santa Cruz im Galápagos-Archipel an. [/dropshadowbox]

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