Gold und Silber: Ein Märchen aus der argentinisch-bolivianischen Grenzregion

3. Juli 2006 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Ein Märchen aus der argentinisch-bolivianischen Grenzregion

Vor vielen Jahren lebte ein kluger und mächtiger Häuptling. Er gebot über viele Stämme und Länder. Weil der Häuptling so klug war, kamen die Leute von weit her, um ihn um Rat zu fragen. Auch als der große Krieg herrschte zwischen zwei Stämmen, riefen ihn die verzweifelten Menschen um Hilfe. Er reiste viele Tage lang um zu den verfeindeten Parteien zu gelangen. Der weise Mann sprach sein Urteil und schlichtete den Streit. Dann kehrte er in sein Dorf zurück. Geführt von der Weisheit ihres Häuptlings lebten die Menschen lange Zeit gut und friedlich, sein Rat half, die Kranken gesund zu pflegen, stiftete Frieden zwischen den Familien und Stämmen und half, allen ein Auskommen zu geben.

So vergingen die Jahre. Der Häuptling wurde schließlich alt und krank. „Ich bin alt und krank, ich kann nichts mehr sehen, ich kann nichts mehr hören, ich kann nichts mehr sagen“, sagte der Weise. Die Menschen wurden nicht mehr zu ihm vorgelassen und warteten vergeblich auf seinen Rat.

Schon bald machte sich der fehlende Einfluss des klugen Mannes überall bemerkbar: die Felder wurden nicht mehr so sorgfältig bearbeitet wie zuvor, so dass manchmal großer Hunger herrschte. Die Streitereien nahmen zu, ja es kam sogar wieder zu Kriegen zwischen den Stämmen. Schließlich wurde die Situation so schlimm, dass sich die anderen Häuptlinge berieten, was nun zu tun sei. „Wir müssen dem Alten helfen, dass er wieder gesund wird. Denn von seinem Rat hängt ab, ob es uns allen gut geht!“ Sie schickten einen ihrer Söhne, einen jungen und klugen Krieger vom Stamm am großen Fluss, zu der Tochter des Weisen, die ihn pflegte.

Er schilderte sein Anliegen und bat die junge Frau: „Frage deinen Vater, ob es etwas gibt, was wir tun können, damit er wieder zu Kräften kommt“ Das Mädchen willigte ein und ging zu dem alten Häuptling. „Lieber Vater, warum bist du so schwach? Wie können wir dich wieder gesund bekommen?“ Dieser antwortete: „Ich bin alt und krank. Nur Blut vom Mond kann meine Krankheit heilen. Denn wer vom Mondblut trinkt, wird gesund. Und nur Blut von der Sonne kann mir meine Kräfte wieder zurückgeben. Denn wer vom Sonnenblut trinkt, wird kräftig wie ein junger Mann.“

Seine Tochter überlegte und sprach: „Wir wollen zu Mond uns Sonne gehen um Dir deine Medizin zu holen. Aber sag, Vater, wie gelangen wir dort hin? Und wie bekommen wir das Blut von der Sonne und das Blut vom Mond? Werden sie es uns freiwillig geben?“ Der Häuptling erklärte: „Ich habe acht Kondore als Diener. Lasst euch von ihnen zum Himmel tragen. Blut vom Mond ist relativ leicht zu bekommen. Man muss nur warten, bis Neumond ist. Dann hat die Mondfrau ihre Regel. Das Blut, das sie dann verliert, muss man dann mit einer Schüssel aus Edelstein auffangen.“ „Und das Blut von der Sonne – wie erhalten wir das?“ fragte das Mädchen. „Das ist viel schwieriger“, antwortete der Alte. „Du musst den Sonnenmann heiraten. Denn erst wenn Du mit ihm verwandt bist, wird er Dir von seinem Blut geben.“

Die junge Frau kehrte zu dem Häuptlingssohn zurück und erzählte im alles. Die beiden brachen sofort auf. Sie riefen die riesigen Vögel herbei und ließen sich von ihnen hinauf zum Himmel tragen. Und alles war so, wie der alte Häuptling es vorausgesagt hatte. Zum Neumond war die Mondfrau vom Himmel verschwunden. Sie hatte ihre Regel und sammelte das Blut in einem Gefäß. Gerade als die Mondfrau es wegschütten wollte, kamen die beiden jungen Menschen und baten sie um das Blut. Die Mondfrau war sehr großzügig: „Nehmt es. Ich werde Euch in Zukunft immer mein Blut auf die Erde hinab gießen.“ Die Häuptlingskinder nahmen das Blut und füllten es in die mitgebrachte Schüssel aus Edelstein. Dabei verschütteten sie etwas von dem Blut. Es fiel zur Erde hinab und verwandelte sich dort – sobald es aufprallte – zu Silber.

Dann gingen die beiden zum Sonnenmann. „Gib uns etwas von deinem Blut, damit mein Vater wieder zu Kräften kommt“, bat ihn die Häuptlingstochter. „Ich gebe Dir etwas von meinem Blut, wenn Du meine Frau wirst“, antwortete der Sonnemann so, wie es der kranke Weise prophezeit hatte. „Ja, ich will Deine Frau werden“, versprach ihm das Mädchen. Und so geschah es. Der Sonnenmann stach sich daraufhin in den Arm, und etwas von seinem Blut rann in einen kleinen Becher. Einige wenige Tropfen aber gingen am Becher vorbei und fielen hinunter auf die Erde. Dort verwandelten sie sich in Gold.

Der junge Krieger nahm den Becher mit dem Sonnenblut und die Schüssel mit dem Mondblut und kehrte zu dem kranken alten Häuptling auf die Erde zurück. Der Weise vermischte Sonnen- und Mondblut, trank davon und wurde wieder gesund und kräftig wie ein junger Mann. Seitdem gibt es auf der Erde Gold von der Sonne – nur sehr wenig. Und seitdem gibt es auf der Erde auch Silber vom Mond – etwas mehr als Gold.

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