Karneval der Kulturen 2006: Rund und Rhythmisch

2. Juli 2006 | Von | Kategorie: Kultur

Die Sonne schaut an diesem Pfingstsonntag nur ab und zu zwischen den Wolken hervor, und für die Jahreszeit weht ein recht kühles Lüftchen. Dennoch friert keiner der mehr als viertausend Tänzer, Musiker, Gaukler und Artisten rund um den Neuköllner Hermannplatz. Vielmehr liegt eine erwartungsfrohe Spannung in der Luft. Man spielt und tanzt sich warm. Alle freuen sich auf die große Parade, auf die Begeisterung von achthunderdtausend Menschen in den Straßen, auf das Feuer der Farben und die Leidenschaft der Musik des Berliner Karnevals der Kulturen.

Ganz vorn dabei ist wieder Afoxé Loni: die brasilianisch-deutsche Gruppe in ihren gelb-weißen Kostümen führt wie jedes Jahr den Umzug an und fasziniert mit ihren mitreißenden Tanzdarbietungen. Viele Mitglieder der Gruppe sind extra aus allen Teilen Deutschlands, Europas und sogar aus Brasilien angereist, um gemeinsam diesen Höhepunkt des Jahres zu feiern.

Ihnen folgen fast 100 weitere Formationen mit Aktiven aus mehr als 70 Nationen auf die dreieinhalb Kilometer lange Strecke. Aus aller Herren Länder kommt auch das Publikum, dass die vielseitigen Darbietungen bestaunt und beklatscht: Berliner verschiedenster Nationalitäten und aus allen Bezirken feiern mit Besucher aus Schwaben und Bayern, Kanada, Kolumbien, Korea, Südafrika oder der Türkei. Auch Paula aus Curitiba ist dabei. Die Südbrasilianerin ist zum ersten Mal in Deutschland. Sie besucht ihren Bruder, der mit seiner Familie in Berlin lebt. Bei den Rhythmen der vorbeiziehenden Samba-Schule „Amasonia“ können auch Paula und ihre Familie nicht mehr widerstehen und tanzen ausgelassen zwischen den Menschen am Straßenrand.

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Überhaupt prägen lateinamerikanische Musik und Lebensfreude den zehnstündigen Umzug. Zum Beispiel die Combo „Boi da Caipora“ Die Gruppe hat ihre musikalische Wurzeln im Nordosten Brasilien und verbindet die indianischen, iberischen und afrikanischen Elemente der Region zu einem einzigartigen Sound. Die Tänzer und Tänzerinnen der Gruppe „Amistad“ (spanisch für Freundschaft) setzen dagegen mit „Salsa Loca“ auf pure kubanische Leidenschaft, gemixt aus Rueda, ChaChaCha und Bachata, den sinnlichen Tänzen der Karibikinsel. „Sol Mexicano“ schließlich, eine Formation des Deutsch-Mexikanischen Kreises aus Hamburg, präsentiert in bunten Trachten ausdrucksvoll die folkloristische Vielfalt der verschiedenen Regionen Mexikos.

Sind die lateinamerikanischen Rhythmen beim diesjährigen Karneval der Kulturen nicht zu überhören, so ist König Fußball nicht zu übersehen. Die Sambaschule „Sapucaiu no Samba “ verbindet sogar beides: ihre Artisten und Tänzer lassen die Bälle zu lauter Trommelmusik wild tanzen. Die bevorstehende Weltmeisterschaft ist auch Thema von „Copa Latina“. Tänzer und Tänzerinnen der sieben WM-Teilnehmer aus Lateinamerika und der Karibik (Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador; Mexiko, Paraguay, Trinidad und Tobago) haben sich vom Fußball inspirieren lassen. In den nationalen Trachten und in den Trikots ihrer Mannschaften wetteifern sie musikalisch und tänzerisch in den verschiedenen Musik- und Tanzrichtungen ihrer Länder. Auch die Teilnehmer mit der weitesten Anreise haben sich ganz dem Rhythmus und dem runden Leder verschrieben. „Real Tobago Legend“ versucht mit Limbo, Calypso und Feuertanz die eigenen Vorfahren herbeizurufen, um den ‚Soca Warriors‘, wie die Nationalmannschaft Trinidad und Tobagos genannt wird, bei der WM auch mit übernatürlichem Beistand zu Erfolgen zu verhelfen. Ob Taktgefühl und Ahnenkult tatsächlich helfen, das Runde in das Eckige zu bekommen?

Die bunte Parade ist der Höhepunkt des insgesamt viertägigen Karnevals der Kulturen in Berlin. Traditionell findet das Multikulti-Event am Pfingstwochenende in den Bezirken Neukölln und Kreuzberg statt. Neben zahlreichen begleitenden Veranstaltungen in ganz Berlin zieht vor allem das riesige Straßenfest die Besucher an. Dort sind mehrere Bühnen aufgebaut, die jeweils Künstlern aus einem Kulturkreis gewidmet sind. Eine der Bühnen ist Mittelpunkt des „Barrio Latino“. Während des Festes treten dort mehr als 50 Künstler aus ganz Lateinamerika auf und spielen bis tief in die Nacht alles von Cumbia bis Son. Zahlreichen Stände im Barrio Latino bieten den Besucher vielfältige kulinarische und kunsthandwerkliche Besonderheiten aus Ländern der Region.

Initiator und Veranstalter des Karnevals der Kulturen ist die Werkstatt der Kulturen des gemeinnützigen Verein »Brauerei Wissmannstraße e.V.«. Die Werkstatt der Kulturen will Vereinen, Künstlern, Intellektuellen und freien Gruppen aller Nationalitäten eine offene Plattform für ihre Initiativen bieten und mit eigenen Projekten die kulturübergreifende Zusammenarbeit und Verständigung zu fördern. Neben dem Karneval der Kulturen organisiert die Werkstatt der Kulturen alle zwei Jahre den World Wide Music Award »Musica Vitale« und jährlich das Festival für traditionelle Tanzkulturen »Bewegte Welten«.

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Links zum Veranstalter und zu deutsch-lateinamerikanischen Teilnehmern am Karneval der Kulturen

www.karneval-berlin.de
Homepage Werkstatt der Kulturen, Veranstalter Karneval der Kulturen

www.amasonia.de
Erste Sambaschule Berlins, seit 10 Jahren immer beim Karneval der Kulturen dabei

www.amigos-del-folklore.de
Die Freunde der Folklore hat in 2006 mit dem bolivianischem „Tobas“-Tanz präsentiert – eine der sprunggewaltigsten Tanzdarbietungen überhaupt

www.samba-anaconda.de
Samba-Schule Anaconda – die Gruppe um die Brasilianerin Dora Bravin, in diesem Jahr mit einer Performance zum Thema „Frausein“ dabei

www.dominicanos.de
Der erste dominikanische Verein in Deutschland war in diesem Jahr mit Themen aus dem traditionsreichen dominikanischen Karneval und der „Copa Latina“ dabei

www.brazine.de
Brazine e.V. – das nach eigenen Angaben größte brasilianisch-deutsche Magazin in Deutschland, Österreich und der Schweiz brachte mit seinem Truck Brazinelétrico die Menschen zum Tanzen

www.capitaes-de-areia.com
Der deutsch-brasilianische Verein Capitães de Areia e.V. war zum siebten Mal dabei und ist 2006 für den schönsten Wagen ausgezeichnet worden.

www.elpatio-berlin.de
El Patio – Der Innenhof e.V. beeindruckte durch seine bitterböse Satire auf das Treiben im und um das amerikanische Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba.

www.maracatu-nacao-colonia.de
Die Kölner Gruppe Maracatu Nacao Colonia tanzte den Maracatú, einen afroamerikanischen Tanz der schwarzen Bevölkerung im Nordosten Brasiliens. Gekleidet sind sie in farbenprächtige Originalkostüme, wie sie bei Straßenumzügen Brasilien zu sehen sind.

www.ritmo-brasil.com
An der Musikschule Offenburg entwickelte sich ab 2001 eine echte Sambaschule. 50 Erwachsenen und 30 Kindern aller Altersgruppen wird heute die brasilianische Percussion näher gebracht.

www.sapucaiu.de
Dies Sambaschule Sapucaiu no Samba ist ein deutsch-brasilianisches Kulturprojekt. Schon dreimal, zuletzt 2005, konnte die Gruppe beim Karneval der Kulturen den 1.Preis für die beste Darbietung gewinnen.

www.solmexicano.com
Sol Mexicano wurde im Jahre 2000 in Hamburg von einer Gruppe junger Mexikaner gegründet mit dem Ziel gegründet, die Menschen für mexikanische Folklore zu begeistern.[/dropshadowbox]

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