Kolumbien: Eine nicht alltägliche Reise mit „Trans-Bringt-Mich-Um“

23. Oktober 2006 | Von | Kategorie: Reisen
Zunächst ist die Luft erfüllt von einem tiefen, sonoren Brummen. Ein Brummen, das unwillkürlich an vergangene Zeiten erinnert. Hebt man suchend den Blick – erkennt man dann plötzlich den silbernen Vogel, der hell im Sonnenlicht glitzernd am Horizont auftaucht. Auf seinen breiten, eleganten Schwingen gleitet er entlang der tiefgrünen Ostflanke der Andenkette, um schließlich hinter den Baumwipfeln dem Auge des Beobachters zu entschwinden. Es ist nicht verwunderlich, dass sich so mancher Besucher von Villavicencio, der etwa 400.000 Einwohner zählenden Hauptstadt des kolumbianischen Bundeslandes Meta, zunächst verwundert die Augen reibt. Denn es sind die letzten Vögel ihrer Art, die man noch in ihrem angestammten Revier beobachten kann. Der knapp 100 km südöstlich der Hauptstadt Bogotá gelegene Ort ist nicht nur das Tor zum riesigen, weitgehend unerschlossenen kolumbianischen Osten.
 
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Villavicencio ist auch die „DC-3-Hauptstadt der Welt“. Nirgendwo sonst stehen noch so viele der legendären Douglas-Flugzeuge im regulären Luftverkehr wie hier. Für die entlegenen Siedlungen inmitten der unendlichen Savannen der Llanos Orientales und der Regenwälder im Amazonastiefbecken sind diese „Lastesel der Lüfte“ oftmals die einzige Verbindung zur Außenwelt. Viele Maschinen stammen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs und wurden ursprünglich für die amerikanischen Streitkräfte gebaut. Die DC-3 hat sich dabei unter den extremen Einsatzgebieten als das ideale Flugzeug bewährt. Robust und zuverlässig verrichtet sie seit Jahrzehnten ihren Dienst in der Region. Diese Flugzeuge haben zahlreiche Menschen sogar noch vor dem elektrischen Strom kennen und schätzen gelernt.

Das tropische Klima, die kurzen, holprigen Landebahnen aus planierter Erde oder Lehm, der harte Frachtdienst fordern jedoch nach und nach ihren Tribut. Bis vor wenigen Jahren bevölkerten noch fast drei Dutzend der Veteranen Villavicencios „La Vanguardia“-Flughafen. Heute steuert noch etwas mehr als eine Handvoll dieser Maschinen die entlegenen Pisten in den Bundesländern Amazonas, Guainía, Guaviare, Vaupés, Vichada oder Meta an. Mehrere kleine Fluggesellschaften versorgen dabei ein Gebiet von fast der doppelten Größe Deutschlands. Es gibt so gut wie nichts, was nicht befördert wird. Lebensmittel, Brennstoff, Ersatzteile oder lebendes Kleinvieh gelten als Standardfracht, aber auch Kranken- oder Militärtransporte gehören zum täglichen Geschäft. Und natürlich Menschen: ohne die betagten Flieger käme kaum jemand hinein in die riesigen, unerschlossenen Gebiete – oder heraus.

Zwei Tonnen Fracht sind an Bord der voll beladenen Douglas DC-3, Jahrgang 1944 – darunter Kisten mit Softdrinks, Kartons mit Tomaten und Früchten, eine Ladung junger Hühner, Medikamente für das örtliche Hospital, Zeitungen und Post. Auch 17 Passagiere haben es sich in der Kabine auf dem Flug in den Dschungelort Miraflores, Guaviare, so „bequem“ wie möglich gemacht. Lautstarkes Stimmengewirr versucht ständig das Brummen der Motoren, das Pfeifen des Fahrtwindes und das noch immer aufgeregte Gegacker des Geflügels zu übertönen. Jeder schützt sich so gut es geht gegen die empfindliche Kälte, die allmählich aus jeder Ritze des Flugzeuges in die Kabine strömt. Und während des Fluges bekreuzigt sich so mancher hin und wieder verstohlen.

Wohl nicht ganz ohne Grund. Der ein oder andere alte Vogel hat sein Ziel nicht erreicht und ist inmitten des grünen Baummeeres verloren gegangen. Immer wieder einmal gibt es auch Angriffe der in den abgelegenen Gebieten operierenden Guerilla-Gruppierungen, die auf die niedrig fliegenden Maschinen schießen. Zahllose Anekdoten ranken sich um die Flugzeuge – fast jeder der Reisenden kann eine erzählen. Von der DC-3 zum Beispiel, die im Schlamm der während der Regenzeit aufgeweichten Startbahn stecken geblieben ist und erst mit Maultierkraft wieder festeren Boden unter die Räder bekommen hat.. Oder dass hin und wieder die Motoren zum Rückflug durch Anwerfen der Propeller per Hand und Seil gestartet werden müssen – schlicht, weil die Batterie leer ist. Das beeindruckt – gleich ob Wahrheit oder Dichtung. So heißen die alten Douglas-Vögel in einer Mischung aus liebevoller Zuneigung und abgrundtiefem Sarkasmus bei den Einheimischen schlicht „Transmemato“ – „Das Transportmittel, das mich umbringt“.

Für Pilot Antonio jedoch ist die DC-3 unbestritten das sicherste Flugzeug der Welt. Viel hänge aber auch von den Piloten ab, ergänzt er. Fliegen ist in diesem Teil der Welt anders als anderswo. Fernab von elektronischen Navigationshilfen und Flugverkehrskontrolle müssen die Piloten sich auf ihre Erfahrung und Streckenkenntnis verlassen können. Und natürlich fliegen hier die besten Piloten der Welt.

Nach anderthalbstündigem Flug erlöst Antonio endlich das Kaugummi, das er seit dem Start in Villavicencio malträtiert hat. In gut 1.200 Metern Höhe schiebt er im Cockpit das linke Seitenfenster auf und spuckt es geübt heraus. „Bueno, muchachos! Vamos a atterizar dentro de pocos minutos“ – Die Landung in Miraflores steht kurz bevor.

Hüpfend setzt die Maschine auf der rotbraunen Erdpiste in Miraflores auf und schüttelt noch einmal alles durcheinander, was sie an Bord hat – Menschen, Tiere und Fracht. Die Landebahn liegt mitten im Ort – es ist die Hauptstraße. Rechts und links erstrecken sich die Häuser und Hütten. Die schwüle Hitze des Dschungels und viel Militär empfangen die Passagiere und die Ladung Hühner. Bis vor wenigen Jahren kontrollierte die Guerilla Miraflores, heute ist der Ort wieder mehr oder weniger fest in der Hand der kolumbianischen Regierung. Ungeduldig warten bereits die Passagiere für den Rückflug nach Villavicencio. Und wie viele andere hoffen sie, dass der „Transmemato“ auch zukünftig seinem Spitznamen möglichst wenig Ehre macht.

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