Kolumbien: El Chocó – kompliziert, kontrastreich, eindrucksvoll

23. Juli 2007 | Von | Kategorie: Kultur

Dichte Mangroven an der Küste, kaum zugängliche, ausgedehnte Regenwälder und vom Nebel umwehte Berggipfel – dort wo Mittel- und Südamerika aufeinandertreffen, liegt einer der faszinierendsten und geheimnisvollsten Regionen Amerikas: der Chocó. Die überwältigende Natur und die vielfältigen kulturellen Einflüsse dieses Landstrichs haben die kolumbianische Malerin Ana María Acosta Ossa zu einer ausdrucksvollen Bilderserie inspiriert.

Chocó  (© Sven Hoch)

Flüsse sind die wichtigsten Verkehrsadern in den Urwäldern des kolumbianischen Departments Chocó – meist auch die einzigen. (© Sven Hoch)

Der Chocó – entlang des Pazifiks zieht sich die Region von Panamá im Norden bis in den Nordwesten Ecuadors. Es ist einer der artenreichsten Gebiete der Welt: auf einer Fläche, die gerade einmal 1,4 Prozent der Landfläche der Erde umfasst, sind bis zu 60 Prozent aller bekannten, an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten zu finden. Mehr als 9.000 Pflanzenarten – davon bis zu 25 Prozent endemisch, und mehr als 830 Vogelarten – davon 85, die nur hier vorkommen – bevölkern diesen biologischen Hotspot. Entlang der Küsten suchen Buckelwale und die schwarzen Schildkröten günstige Plätze, um ihre Nachkommen zur Welt zu bringen, Millionen Seevögel bevölkern die Gestade.

Vielfältig sind auch die kulturellen Spuren, auf die man im Chocó trifft: schon in prähispanischer Zeit lebten mehr als 30 Völker den Chocó von den Fürchten des Waldes und des Meeres. Noch heute leben sechs indigene Gruppen dort: die Tule, Embera, Eperara Siapidara, Wounaan, Awa und Chachi. Die Bevölkerungsmehrheit stellen nun jedoch die Afroamerikaner, deren Vorfahren einst als billige Sklaven für die Bergwerke und Plantagen der Spanier einst nach Amerika gebracht worden waren.

Die soziale Wirklichkeit im Chocó steht jedoch im krassen Gegensatz zur üppigen Natur: bittere Armut und brutale Gewalt bedrohen die indigenen und afroamerikanischen Gemeinden. Paramilitärs und Guerilla-Gruppen überziehen das Land mit einem schmutzigen Krieg um Einfluss und Macht im lukrativen Drogenhandel – der kolumbianische Staat ist kaum präsent. Leitragende ist – wie immer in solchen Konflikten – die Zivilbevölkerung. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hat sich in vielen der kleinen Dörfer entlang der Flüsse ausgebreitet.

Der Chocó erscheint kompliziert – Natur, Kultur und soziale Situation – all das ist in sich und miteinander verwoben, die Perspektive, der Eindruck ändert sich nach Standort und Perspektive und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. „El Chocó. Verwicklungen“ – der Titel für die Ausstellung der Gemälde von Ana Maria Acosta Ossa ist treffend gewählt. Die Künstlerin nimmt den Betrachtern mit ihren Bildern mit auf eine Reise durch die Naturräume dieser selbst Kolumbianern zumeist unbekannten Welt. Der Reiseweg ist unterteilt in vier Abschnitte, in denen die Farben und Pinselstriche je nach Nähe des Chocoana-Urwalds zum pazifischen Ozean variieren. Die Künstlerin selbst beschreibt den Weg wie folgt:

Erster Abschnitt: Der Urwald

Alles, was ich sehe, wenn ich nach unten blicke. Vom Boeden bewässerte Früchte und Blumen, Nahrungsmittel für die Erde und die zukünftigen Pflanzen, die die Farben wieder neu entstehen lassen.

Zweiter Abschnitt: Die Sträucher

Ich lasse meinen Blick über den Himmel schweifen. Um alles zu sehen, was durch die Bäume hindurch scheint. Linien aus Licht, die sich ihren Weg bahnen. Viel Grün in all seinen Abstufungen. Immens große Stängel und gigantische Blätter. Und die Rottöne, die sich schüchtern abzeichnen.

Dritter Abschnitt: Die Blumen

Spontan wachsende Paradiesvogelblumen, die niemand aussät und der Rest farbiger Helikonien, die vom karminrot bis gelb alle Farbtöne abdecken. Ich gehe weiter und nähere mich dem Fluss. Eines der wasserreichen Gewässer, die mit unerwarteten Flussbetten, die sich durchkreuzen, sich verwickeln, eine Verkehrsverbindung für die Anwohner darstellen. Sie sind auch Teil des Konflikts. Auch sie füllen sich mit Farben, die den Ort verändern und bereichern. Auf diese Weise kommen wir zu den

Mangroven, dem letzten Abschnitt.

Die Mangroven sind eines der weltweit vielfältigsten und seltensten Ökosysteme. Hier gibt es keine Blumen mehr, nur solche, die auf dem fast statischen Wasser schwimmen. Wenig Blau- und Grüntöne über dunkler, grauer, fast schwarzer Stimmung. Die Sonne dringt kaum durch. Die wenigen Sonnenstrahlen, die doch durchscheinen, spielen mit den Ästen, die sich ober- und unterhalb des Wassers verzweigen. Ebenfalls Verwicklungen, die bis ins Meer reichen.

Als engagierte Anwältin und Politologin hat Acosta Ossa ein feines Gespür für die Menschen: Das Sonnenlicht, sagt sie, das durch das Blätterdach des Urwaldes im Chocó fällt, soll gleichsam sowohl Hoffnungsstrahl für die Menschen dort wie auch ein gleißendes Spotlight auf die Situation im Chocó sein.

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Die Ausstellung ist noch bis zum 7. September 2007 in der Botschaft Kolumbiens, Kurfürstenstraße 84, 10787 Berlin jeweils von Montag bis Freitag, 9:30 bis 13:00 und von 14:30 bis 17:30 Uhr zu sehen.

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