Kolumbien: Der gestohlene Kuss … und andere Juegos de Aguinaldos

15. Dezember 2006 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Aus dem Augenwinkel heraus beobachtet Isabelita verstohlen Señora Vasquez, die nur ein paar Schritte von ihr entfernt steht und telefoniert. Sie bemerkt Isabelita nicht, die sich leise – auf Zehenspitzen – an sie heranschleicht. Dann beendet Señora Vasquez das Telefongespräch und blickt noch einen Moment gedankenversunken auf das blinkende Display ihres Handys. Auf diese Gelegenheit hat Isabelita gewartet. Blitzschnell stürmt sie hervor und schiebt ihren rot bestrumpften Fuß zwischen die in hohen Pumps steckenden Füße der Señora. “Tres pies – Gewonnen, ich habe gewonnen!”, ruft die Kleine ihrer verblüfften Mutter zu. “Mi Aguinaldo – Meine Weihnachtsüberraschung bitte!”.

Wie überall auf der Welt putzen natürlich auch die Menschen in der Millionenstadt Bogotá in der Vorweihnachtszeit ihre Häuser festlich heraus, schmücken sie mit großen Sternen und bauen die Weihnachtskrippe auf. Dennoch sind die Tage ab dem 16. Dezember in der kolumbianischen Metropole etwas ganz Besonderes: es beginnt die “Novena de Aguinaldos”, die erst mit der Mitternachtsmesse am Heiligabend endet.

Das spanische Wort Aguinaldo heißt soviel wie „Geschenk oder Überraschung, die man zu Weihnachten überreicht“. Und genau darum geht es in diesen neun Tagen: mit kleinen Aufmerksamkeiten den Menschen, die einen umgeben, zu zeigen, dass man sie gern hat, dass man an sie denkt. Man spürt: in der Novena de Aguinaldos nehmen sich die Bogotanos mehr Zeit füreinander als sonst. Sie treffen sich im Kreise ihrer Familien, Freunde und Nachbarn, um in Gebeten der Geburt Jesu Christi zu gedenken oder gemeinsam zu singen. Zauberhafte Weihnachtslieder wie “Tutaina” oder “Mi burrito sabanero” klingen aus den Häusern und Kirchen. Zu den liebenswürdigsten Traditionen gehören zweifellos die Juegos de Aguinaldos, kleine Spielchen, mit denen sich Kinder wie Erwachsene vergnügen.

Diese „Aguinaldos“ werden in der Regel zu zweit gespielt. Die beiden Spieler legen bestimmte Spielregeln fest, und wetten dann um ein kleines Weihnachtsgeschenk oder einen Gefallen, die derjenige erbringen muss, der die vereinbarten Regeln nicht einhält. Es spielt Vater gegen Sohn, Mutter gegen Tochter, Bruder gegen Schwester, Tante gegen Großvater, Freund gegen Freundin. Kurz: jeder wettet gegen jeden. Der Phantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt, es gibt unzählige Varianten. Zu den schönsten und bekanntesten „Aguinaldos“ gehören sicherlich die folgenden Spiele:

„Ohne Worte“ (Hablar y no contestar)

Die beiden Mitspieler vereinbaren, über einen festgelegten Zeitraum – z.B. einen Tag – keine Worte miteinander zu wechseln. Wer den anderen trotzdem anspricht, muss dafür mit einem kleinen Geschenk bezahlen. Das Spiel beginnt dann von neuem. Übrigens: wenn man zu jemandem etwas “Abstand” gewinnen will, kann man das auf unauffällige Weise mit diesem Spiel gut bewerkstelligen.

„Der gestohlene Kuss“ (El beso robado)

Es ist ohne Zweifel das schönste und mitunter aufregendste Aguinaldo-Spiel, zumindest wenn man es mit jemandem spielen kann, den oder die man besonders mag. Es geht darum, sich von dem Spielpartner bzw. der Spielpartnerin auf keinen Fall küssen zu lassen. Wer es dennoch schafft, seinen Gegner/seine Gegnerin zu küssen, wird von dem oder der Geküssten mit einem weiteren kleinen Geschenk belohnt. Kaum zu glauben: Es soll tatsächlich schon vorgekommen sein, dass dieses Spiel mit Absicht verloren wurde. Wohin geküsst werden darf, sollte man für – alle Fälle – vor Spielbeginn vereinbaren.

„Ja und Nein“ (Al Sí y al No)

Dieses Spiel ist denkbar einfach. Eine der beiden Spieler entscheidet sich dafür, zu allem “Ja” zu sagen, der andere muss dann zu allem “Nein” sagen. Die Spieldauer beträgt normalerweise 24 Stunden, jedoch kann auch jeder andere Zeitraum vereinbart werden. Wer gegen die Abmachung verstößt und das verbotene Wort (“Ja“ bzw. “Nein“) in den Mund nimmt, hat den Sieger mit einer Weihnachtsüberraschung zu beglücken. Dieses Aguinaldo ist sehr beliebt, denn wer geschickte Fragen stellt, kann damit die eine oder andere elterliche Erlaubnis – z.B. fürs längere Ausgehen – oder so manche Einladung herausholen.

„Geben und nicht Nehmen” (Dar y no recibir)

Es ist vielleicht das älteste aller Aguinaldos, die spanischen Eroberer brachten diesen Brauch aus ihrer Heimat mit in die neue Welt. Und darum geht es: jeder der Spieler bietet dem anderen Geschenke, Leckereien oder sonstige Dinge an, von denen er weiß, das der andere genau dafür eine Schwäche hat. Aber es ist für beide strengstens verboten, irgendetwas von den verlockenden Angeboten des Spielpartners anzunehmen. Wer den Versuchungen dennoch erliegt, hat verloren und muss den anderen mit einem “Aguinaldo”, einem Weihnachtsgeschenk, entlohnen.

“Pajita en la boca”

Jeder der beiden Mitspieler muss während der abgesprochenen Spielzeit stets ein kleines Stück Holz im Mund haben. Am besten eignet sich dafür ein Stückchen eines Zahnstochers oder Streichholzes. Die zwei Spieler müssen jederzeit darauf vorbereitet sein, dass sie vom anderen mit den Worten “Pajita en la boca” gerufen werden könnten. Dann muss der/die Angesprochene seinen/ihren Mund öffnen und beweisen, dass er/sie das Holzstückchen auch tatsächlich darin hat. Wenn nicht, hat er/sie verloren und muss dem Spielpartner eine schöne Weihnachtsüberraschung bereiten.

“Drei Füße” (Tres Pies)

Hier ist Schnelligkeit gefragt. Wenn man seinen Gegner mehr oder weniger breitbeinig stehend antrifft, gilt es die Gunst des Augenblicks zu nutzen. Denn um zu gewinnen, muss man seinen Fuß schnell zwischen die Füße des Unvorsichtigen stellen und rufen “Tres pies – Ich habe gewonnen!”. Dann muss der andere Spieler ein Präsent rausrücken und das Spiel beginnt von vorn.

Isabelita hat übrigens von ihrer Mutter ihr “Aguinaldo“, ihre Weihnachtsüberraschung bekommen. Das Mädchen träumte stets davon, einmal Schlittschuh laufen zu können. Das ist in Bogotá nun wirklich nichts Alltägliches. Aber in einem riesigen Einkaufzentrum im Norden der Stadt hatte man zu Weihnachten eine Eisfläche installiert. Señora Vasquez konnte ihre Spielschuld begleichen und wurde obendrein mit einem fröhlichen Lachen ihrer glücklichen Tochter belohnt. Was kann man sich zu Weihnachten mehr wünschen?

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Info zum Lied

„Tutaina“ ist eines der ältesten und schönsten Weihnachtslieder Kolumbiens. Die eingängliche Melodie besticht durch ihre betörende Fröhlichkeit. Ursprünglich soll die traditionelle Weise aus Venezuela stammen.

Der Text ist leicht zu merken:

Tutaina Tuturumá
Tutaina Tuturumaina
Tutaina Tuturumá, Turumá
Tutaina Tuturumaina.

Los pastores de Belén
Vienen a adorar el niño;
La Virgen y San José
Los reciben con cariño.

Tutaina tuturuma
Tutaina tuturumaina
Tutaina tuturuma, turuma
Tutaina tuturumaina.

Tres reyes vienen también
Con incienso, mirra y oro,
A ofrecer a Dios su bien
Como el más grande tesoro.

Tutaina Tuturumá
Tutaina Tuturumaina
Tutaina Tuturumá, Turumá
Tutaina Tuturumaina. [/dropshadowbox]

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Info zum Lied

“Mi burrito sabanero” gehört zu den Liedern, die während der Novena de Aguinaldos am häufigsten gesungen werden.

Die Komposition des Venezuelaners Hugo Blanco ist bei Kindern sehr beliebt – seine fröhliche Melodie, der tropische Rhythmus und der einfache Text laden zum Mitsingen ein.

Der vollständige Text des Liedes lautet:

Con mi burrito sabanero
voy camino de Belén
Con mi burrito sabanero
voy camino de Belén
si me ven si me ven
voy camino de Belén
si me ven si me ven
voy camino de Belén

El lucerito mañanero
ilumina mi sendero
El lucerito mañanero
ilumina mi sendero
si me ven si me ven
voy camino de Belén
si me ven si me ven
voy camino de Belén

Con mi cuatrico voy cantando
mi burrito va trotando
con mi cuatrico voy cantando
mi burrito va trotando
si me ven si me ven
voy camino de Belén
si me ven si me ven
voy camino de Belén

Refrain/Coro:

Tuqui Tuqui Tuquituqui
Tuquituqui Tu qui Tu
Apúrate mi burrito
que ya vamos a llegar
Tuqui Tuqui Tuquituqui
Tuquituqui Tu qui Tu
apúrate mi burrito.[/dropshadowbox]

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