Lateinamerika: El Ratoncito Pérez

23. September 2008 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Wenn der erste Milchzahn ausfällt, ist dies ein wichtiges Ereignis im Leben jedes Kindes – ein Augenblick, in den sich auch ein wenig Angst und Schmerz mischen. In Spanien und vielen lateinamerikanischen Ländern hält sich der Schrecken für die Kleinen jedoch dank einer tierischen Persönlichkeit in Grenzen: dem Mäuschen Pérez. Wenn nämlich das Kind den ausgefallenen Zahn vor dem Schlafengehen unter das Kopfkissen legt, kommt des Nachts diese legendäre Maus und tauscht den Zahn gegen ein kleines Geschenk. Was aber nur wenige Menschen wissen: auf diese Weise macht das Mäuschen Peréz nicht nur ein Kind sondern auch eine traurige Auster wieder glücklich.

Es gibt viele Legenden über das Mäuschen Pérez. Die Geschichte die mir am besten gefällt, beginnt weit entfernt auf dem Meeresgrund. Dort gab es eine Auster, die sehr traurig war, denn sie hatte ihre Perle verloren. In Tränen aufgelöst berichtete sie einem vorbeischwimmenden Tintenfisch von ihrem Pech.

“Wie sah denn die Perle aus?” fragte der Tintenfisch.

“Ganz weiß, ganz hart, ganz klein und ganz doll glänzend!” antwortete ihm die Auster.

Der Tintenfisch versprach ihr bei der Suche zu helfen und schwamm davon. Wenig später traf er auf eine Schildkröte, die sich in der Brandung vergnügte. Der Tintenfisch erzählte ihr von der traurigen Auster und die Schildkröte versprach ihn bei der Suche nach der Perle oder einem Ersatz zu unterstützen. Die Schildkröte schwamm zum Strand – denn dort wurden immer viele Sachen angeschwemmt. Dort traf sie auf eine Maus, die im Treibgut herumstöberte. Die Maus trug einen Strohhut, eine goldumrandete Brille, Leinenschuhe und auf dem Rücken eine rote Tasche. Die Maus war spanisch und hieß Peréz, aber weil sie so klein war nannte sie alle Welt nur “Ratoncito Peréz“ – das „Mäuschen Peréz“.

“ Wir müssen etwas finden das weiß, hart, klein und glänzend ist!” erklärte die Schildkröte der Maus, die auch der Auster helfen wollte.

Die Maus Peréz suchte hier, und suchte dort, fand aber nichts, was dieser Beschreibung entsprach. So fand sie einen Knopf, der war zwar weiß, glänzend und klein, aber nicht hart, denn sie konnte ihn mit ihren Zähnchen leicht annagen. Sie fand einen weißen Stein, der war zwar weiß, hart und klein aber er glänzte nicht. Schließlich fand Peréz auch noch eine Silbermünze, die hart war und weißlich glänzte. Ratoncito Peréz steckte die Münze zwar in seine rote Tasche aber das Geldstück war nicht klein genug.

Abends kehrte Peréz traurig und enttäuscht nach Hause zurück, denn sie hatte nichts passendes gefunden. Ratoncito Peréz wohnte in einem geräumigen Mauseloch im Zimmer eines kleinen Jungen, der gerade an diesem Tag seinen ersten Milchzahn verloren hatte. Er hatte ihn vorsichtig auf seinen Nachttisch gelegt und war eingeschlafen. Die Maus sah ihn dort im Mondlicht glänzen, schlich sich vorsichtig an und untersuchte den Zahn. Ja! Er war sehr weiß, unglaublich hart, klein und herrlich glänzend! Das war es, was sie den ganzen Tag gesucht hatte.

Ratoncito Peréz nahm den Zahn und legte dem Kind an seiner Stelle die Silbermünze auf den Nachttisch. Dann lief er so schnell er konnte zum Strand, um der Schildkröte den Zahn zu geben. Die Schildkröte nahm den Zahn, schwamm los und gab ihn an den Tintenfisch weiter und der konnte ihn endlich zu der traurigen Auster bringen. Die Auster war mit einem Schlag wieder glücklich, denn dieser Milchzahn hatte dieselbe Größe wie die Perle, die sie verloren hatte. Sie steckte ihn an die Stelle wo vorher die Perle gewesen war, bedeckte ihn mit ein wenig Perlmutt und schon konnte niemand mehr einen Unterschied zu einer Perle erkennen.

Seitdem legt jedes Kind den ersten ausgefallenen Milchzahn vorsichtig unter das Kopfkissen, damit in der Nacht Ratóncito Peréz den Zahn finden und gegen ein Geschenk austauschen kann – auch wenn es nicht immer eine Silbermünze ist. Die Maus nimmt den Zahn dann mit an den Strand und gibt ihn einer Schildkröte, die wiederum dann an einen Tintenfisch, damit dieser dann den Milchzahn einer traurigen Auster schenkt, die ihre Perle verloren hat.

Wahrscheinlich ist die Figur des “Ratoncito Peréz“ Ende des 19. Jahrhunderts von dem spanischen Jesuitenpater Luis Coloma erfunden worden. Die damalige Königen María Cristina hatte das Mitglied der Königlichen Spanischen Akademie gebeten, ihrem Sohn, (dem späteren König Alfonso VIII.) eine Geschichte zu schreiben, als diesem ein Milchzahn ausgefallen war.

Der von Coloma geschriebenen Geschichte zufolge lebte Ratoncito Peréz mit seiner Familie in einer riesigen Keksschachtel in der Konditorei Prats lebte. Das Geschäft lag mitten in Madrid in der Arenal-Straße Nummer Acht, ganz in der nähe de königlichen Palastes. Von hier aus unternahm Ratoncito Peréz durch die Kanalisation häufig heimliche Ausflüge und besuchte den kleinen König Bubi I. (so nannte die Königin María Cristina zärtlich ihren Sohn Alfonso) und andere Kinder, die einen Milchzahn verloren hatten.

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