Lateinamerika: Horrordusche in den Anden

2. Februar 2012 | Von | Kategorie: Reisen
Horrordusche in Ecuador - Foto by phrakt (flickr.com), veröffentlicht unter Creative CommonsLizenz 2.0

Horrordusche in Ecuador. Ein Jahr Garantie steht auf dem Plastikkörper des Brausekopfes, fragt sich nur, wofür! Quelle: phrakt (flickr.com), veröffentlicht unter Creative CommonsLizenz 2.0

Wer durch Südamerika reist und dabei nicht primär in Luxusherbergen nächtigt, kann ihr kaum entkommen. Jeden Morgen kehrt sie wieder, spätestens dann, wenn man im Bad steht, nackt, und den Blick hilflos nach oben richtet. Diese unglaubliche Angst, diese tiefe Furcht – vor der morgendlichen Dusche! In diesen Momenten stellt sich – frei nach Hamlet – stets die gleiche Frage: lieber den Schock des eiskalten Wassers ertragen oder für etwas warmes Wasser einen Stromschlag riskieren?

Salento in der kolumbianischen Cordillera Central, dem zentralen Gebirgszug der hier dreigeteilten Anden. Das kleine Dorf ist ein idealer Ausgangspunk zu Touren ins Valle del Cocora mit seinen majestätischen Wachsplamen und zu den schneebedeckten Vulkanen des “Los Nevados”-Nationalparks. Ich wohne hier in einem traditionellen, zweigeschossigen Haus direkt an der Calle Real, der “Hauptstraße” des Ortes. Wände aus Holz, Guadua (eine Bambusart), Stroh und Lehm, die Holzladen der Fenster und die Türen sind orange gestrichen. Zu den Schlafzimmern im ersten Stock gelangt man über eine hölzerne Veranda. Zum Duschen müssen wir allerdings stets hinab ins Erdgeschoss. Dort befindet sich der “Duschraum”: ein grauer Betonquader, seitlich an die Veranda geflanscht. Also Badelatschen an und runter! Die rohen Betonwände der Nasszelle sind vielleicht 1,85 Meter hoch, zwischen der Oberkante der Wände und dem Blechdach fällt durch einen vielleicht 25 Zentimeter schmalen Spalt das Tageslicht herein. Wer mehr Licht braucht, muss es sich beizeiten überlegen: Unter dem Dach der Dusche hängt eine nackte Glühbirne, ist man aber einmal unter der Dusche, ist der Lichtschalter dazu unerreichbar: er befindet sich an der Wand außerhalb der Duschkammer. Oben ragt ein Rohr waagerecht bis in die Mitte der vielleicht anderhalb Quadratmeter großen Kabine. Es endet in einem schneeweißen Plastikduschkopf, auf dem ein großer, hellblauer Schalter prangt. Eine blaues und ein weißes Kabel entspringen aus der Betonwand, winden sich wie Lianen um das Rohr bevor sie in dem Duschkopf verschwinden. Die letzten Millimeter der Kabel glitzern verdächtig wie Kupfer. An der Wand gibt es nur eine Armatur. Dreht man sie auf, sprudelt das Wasser aus dem Duschkopf.

Exemplar einer elektrischen Dusche in Peru - Photo by obrien (flickr.com), veröffentlicht unter Creative CommonsLizenz 2.0

Exemplar einer elektrischen Dusche in Peru – Photo by obrien (flickr.com), veröffentlicht unter Creative CommonsLizenz 2.0

Hier in Salento kommt das Wasser direkt aus den Bergen. Es ist klar, sauber, wohlschmeckend – und eiskalt. Schmerzhaft protestiert meine Kopfhaut, als sie von den ersten Wassertropfen getroffen wird. Instinktiv springe ich aus dem Duschstrahl. Warmes Wasser, ein Königreich für warmes Wasser! Mißtrauisch beäuge ich die Installation über mir, allein der Gedanke, H2O mit elektrischem Strom zu vermischen und mich dann unter dieses spannungsgeladene Gemisch zu stellen, lässt mich noch mehr frösteln. Todesmutig schiebe ich vorsichtig den hellblauen Schalter an dem weißen Duschkopf in die Richtung des roten Punktes, neben dem das Wort “Hot” aufgebracht ist – dabei immer peinlich genau darauf achtend, dass meine nassen Hände nicht in die Nähe der blanken Kabelenden gelangen. Über mir beginnt es zu brodeln – es hört sich an wie ein Tauchsieder kurz vor der Explosion. Es kommt immer weniger Wasser aus der Brause – und es beginnt über mir zu dampfen. Auf einmal beginnt ein warmer Regen auf mich zu rieseln. Der Jubelschrei eines Warmduschers wird von den Betonwänden der Duschkabine verschluckt. Dann rutscht mir die Seife aus den Händen. Scheiße! Schon will ich mich bücken, und die Seife aufheben. Gerade noch rechtzeitig fällt mir die Warnung der Wirtin ein: wenn der elektrische Duschkopf eingeschaltet ist, bloß nicht Wände und Boden der Kabine berühren: Stromschlag droht! Ich dusche ohne Seife zu Ende – aber mit warmem Wasser!

Auf elektrische Duschen wie diese stößt man überall in Lateinamerika: in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien oder Brasilien. Vor allem in preiswerteren Herbergen, aber nicht nur dort. Seltsamerweise befinden sich die neuesten und vertrauenserweckendsten Exemplare dieser Gattung meistens in Orten mit wärmerem Klima, wo man auf heißes Duschwasser gerne verzichtet. Dagegen sind die abenteurlichsten Konstruktionen mit wirrem Kabelsalat ohne Isolation , deren bloßer Anblick einem schon den elektrischen Schauer über den Rücken laufen lässt, mit Sicherheit fast immer dort installiert, wo eiskaltes Bergwasser die Wasserleitungen speist – Murphy lässt grüßen!

Und auch wenn der Reisende dann todesmutig einen dieser Apparate unter Strom gesetzt hat, hofft er meist vergeblich auf wirklich heißes Duschwasser. Selbst wenn der Wärmeregler bis zum Anschlag der roten Markierung geschoben ist, tröpfelt in der Regel bestenfalls lauwarmes Wasser aus den Brauseköpfen. Nicht ohne Grund gilt in den Anden bei Backpackern und Globetrottern die stolz neben dem Hotelnamen geschriebene Ankündigung “Hay agua caliente” (Warmwasser verfügbar) nur als Synoym für “Hay agua no helada”: nicht mehr ganz eiskaltes Wasser verfügbar!

Schmerzhaft kann sich auch die niedrige Einbauhöhe vieler Brausen bemerkbar machen. Gerade in den bolivianischen und peruanischen Bergregionen sind die Duschköpfe vielerorts kaum höher als 1,65 oder 1,70 Meter über dem Boden installiert. Das mag für die meisten Einheimischen ausreichen, doch bei Durchschnitteuropäern machen da der Kopf oder auch das ein odere andere sonstige Körperteil ganz schnell Bekanntschaft mit dem Duschkopf, der Wasserleitung oder – die ungünstiste aller Möglichkeiten – den bunten Kabeln.

Doch allen Gefahren zum Trotz: spätestens beim zweiten Duschbad entscheidet sich fast jeder, das Risiko mit den elektrischen Duschen – zumindest einmal – in Kauf zu nehmen. Denn die Vorstellung, sich noch einmal die Haare mit eisigem Wasser waschen zu müssen, ist einfach um einiges schrecklicher als die Angst vor den wirren Installtionen und Beulen an Kopf und Gliedern. Bisher jedenfalls –so erzählt man sich – sollen (fast) alle Warmduscher ihre Abenteuer mit den andinen Horrorbrausen ohne größere Blessuren überlebt haben – ich übrigens – wie man sieht – auch.

Titelfoto:
phrakt (flickr.com), veröffentlicht unter Creative CommonsLizenz 2.0
bearbeitet durch Alavia.com

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