Latinale 2006: Verliebe dich niemals in ein Kilo Hackfleisch!

27. Dezember 2006 | Von | Kategorie: Kultur

November in Berlin. Die Nacht ist kalt, windig und feucht. Am Hackeschen Markt hetze ich die Stufen zur Stadtbahn hinauf. Von oben schlägt mir bereits die gnadenlose Lautsprecherstimme entgegen: „Nach Spandauuuau – bidde zurrrück…bleiben!“. Schon setzt die sonore Fanfare ein, die das Schließen der Türen ankündigt. Hechelnd schaffe ich es gerade noch, mich durch den letzten, winzigen Spalt in den Wagon zu zwängen. Der Wagen ist fast leer und ich lasse mich auf die erste freie Sitzbank fallen. Widerwillig setzt sich der Zug in Bewegung. Warum nur laufen in der S-Bahn die Heizungen immer auf Saunatemperatur? Während die Bahn gen Westen rumpelt, benetzt Nieselregen mit seinen feinen Tropfen die Fenster, sie brechen die Lichter der Stadt in tausend leuchtende Punkte. Leuchtende Stadt. Meine Gedanken fliegen zurück, schweben „Überland und Leuchtende Städte“. So ist die Latinale 2006 überschrieben, das Festival der lateinamerikanischen Poesie, von dem ich gerade komme. Ein Fest der Lyrik, jung, mobil und bissig wie die beiden Kaimane auf Rädern von den Festivalplakaten, mit Lesungen in Berlin, Bonn und München.

Latinale 2006

Zwei Abende mit zwölf Autoren aus ganz Lateinamerika hinterlassen Eindrücke: bunt, verschwommen, klar, hell, dunkel, leise, schreiend, sanft und grell sind die Dichtungen, so unterschiedlich und vielfältig wie die unzähligen Lichter, die hinter der nassen Glasscheibe vorbeirauschen. Worte und Stimmen, Gesichter und Masken, Herz und Seele, Glanzpunkte und Schlaglichter. Was nimmt man mit? Was bleibt haften von einer solch intensiven Dosis kraftvoller, feiner Texte?

Bestimmt, dass es nicht gerade OK ist, mit Totenschädeln Fußball zu spielen. Das wir es dennoch leidenschaftlich tun – und die Schädel anschließend an Medizinstudenten verhökern. Nun ja, der Preis für solche Knochen steigt eben. Der Sarkasmus des chilenischen Dichters Germán Carrasco bohrt den Finger in die Wunden unserer Zeit, ist direkt, präzise und bitterböse – nicht nur in seinem Gedicht „El precio de los huesos“.

Oder dass die tierische Wahrheit über die Spezies Mensch abwechselnd vorgetragen in Portuñol – diesem melodischen Kauderwelsch aus südamerikanischem Spanisch und brasilianischem Portugiesisch – und badischer Mundart Spaß macht, obwohl sie verdammt hart ist. Douglas Digues aus Brasilien und seine Übersetzerin Odile Kennel jedenfalls jonglieren rasend schnell mit Sprachen und Worten – und zeigen dabei auf dich.

Kaum zu vergessen auch der schillernde Auftritt der Pop- und Lyrik-Biene Dani Umpi, eingeflogen aus Uruguay. In knappem, gelb-schwarz geringeltem Outfit – ganz offensichtlich dem Bienenmann aus der Simpson-Zeichentrickserie entwendet – fliegt er zielsicher auf die Blüten der Scheinheiligkeit Hollywoods und koksender, neureicher Möchtegern-Feinschmecker. Und singt dann live – kokett mit den zarten Flügelchen schlagend – seine MTV-Hits.

Was noch? Dass wenn man etwas zu sehr beansprucht, es nicht mehr anspringt, es – ob Ehe oder Tag – kaum noch zu reparieren ist? Dass Pablo Neruda aus den Discotheken dieser Welt Glitzerkugeln für seine Globensammlung mitgehen lässt? Dass das Meer mehr ist als in Brüsseler Büros ausgeheckte Abkommen über Kabeljau und Seehecht, mehr als 12-Meilen-Zone und Fangkonzessionen? Dass eine kurze Abhandlung über Körperausscheidungen nicht unbedingt etwas Ekelerregendes sein muss? Dass manchmal nur die Erinnerung an ihre billigen engen Jeans überlebt und das einzige bleibt, was von einer innigen Beziehung übrig ist? So viele Eindrücke, so viele Worte, Gefühle und Ideen. Was nimmt man mit? Was bleibt haften?

RiesenburgerPlötzlich verschwinden die Lichter der Stadt, weichen dem Dunkel des Tiergartens. Ich reibe mir die Augen. Momente später dann der trübe Bahnhof Zoo, der auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Aus der Hitze des Waggons wieder hinaus in die Kälte der Nacht. Es regnet noch immer. Die schreiend grelle Leuchtreklame des Mac Donald´s am Hardenbergplatz sticht aus dem Dunkeln hervor. Kleine, verzerrte Klone des gelben, geschwungenen “M“ lugen überall aus den Regenpfützen hervor. Aus dem Nichts höre ich mahnende Verse: „Verliebe dich niemals in ein Kilo Rindfleisch! … Niemals!…Nicht!“ Woher? Aus dem Gedicht „Mac Donald´s“, von Julián Herbert, vorgetragen vom Dichter selbst während der Latinale!

Das Festival hat Publikum und Autoren begeistert, das Instituto Cervantes war stets übervoll. Vielleicht hat jeder dieser Menschen etwas anderes aus dieser vielfältigen Poesie für sich entdeckt und mitgenommen? Vielleicht nur einen Satz, einen Vers, eine Geste, einen Ton. Jedenfalls etwas ganz Persönliches, etwas das haften bleibt. Kann man als Dichter mehr erreichen, mehr verlangen? Ich jedenfalls lasse – obwohl mir der Magen knurrt – den Fast-Food-Tempel links liegen.

gourmet

er geht immer auswärts essen und kocht sehr gut
ist trotzdem schlank, hat trockene haut
immer spricht er von essen und beschwört
dass crème fraîche ihn mehr als einmal gerettet hätte…
crème fraîche und estragon
retten ihn immer, doch, „retten mich“ sagt er
die crème und der estragon
die diesen sommer total out waren
saucen, man bekommt ja keine guten saucen mehr, sagt er
diesen sommer machten sie alles mit olivenöl und rauke an
doch die leute wollen immer noch pasta gefüllt mit kürbis
wie letzten sommer, obwohl jetzt ravioli aus
süßkartoffeln und ingwer in sind, und als dessert
warmen blätterteig gefüllt mit mango und pflaumen
und sahneeis und waldbeerenmus
obwohl in den teuren restaurants in punta del este
die menüs nicht gut sind, weil so viele schnösel hingehen
koksen und ihnen dabei alles egal ist
manchmal werden sogar pommes aufgetischt, schröklich
ich sagte ihm, ich weiß nur, wie man ein sauce caruso macht
er lachte und stellte fest, ich sei wohl eher für das einfache
ich sagte ihm nicht, dass für mich kochen sehr komplex ist
er lachte, sah mich an, als würde er mich aufessen wollen
sagte, dass ich so sei, weil meine mutter lehrerin
und ich auf eine katholische schule gegangen sei
„so, wie denn?“ „nun, du bist eine anständige person“
ich war mir nicht sicher, ob ich darüber glücklich sein sollte
ich glaube, ersagte das nur, um mich zu verführen
er sagte, ich besäße die unterschrift einer anständigen person
sie sei wie eine zeichnung, sähe aus wie ein strauß petersilie
ich … ich weiß nicht, da war was, das störte
etwas, das an seinem Mund herum hing

(Dani Umpi)

(aus dem Spanischen übertragen von Timo Berger)

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Der Autor: Dani Umpi (Uruguay)

Dani Umpi (© R. Lejtreger)

Dani Umpi (© R. Lejtreger)

Dani Umpi wurde 1974 in Uruguay geboren. Der Künstler, Sänger, Fotograf, Romancier und Dichter ist für seine ungewöhnlichen Aktivitäten bekannt, so wurden seine Gedichte durch Happenings wie die „Pyjama Party“ und „DJ Midi“ an die Öffentlichkeit gebracht.

Er hat die beiden Romane „Aún soltera“ (2003) sowie „Miss Tacuarembó“ (2004) veröffentlicht, für letzteren erhielt er den „Primer Premio del Concurso de Narrativa de Revista Posdata“ erhielt. Diesen November wird sein dritter Roman „Sólo te quiero como amigo“ im argentinischen Verlag Interzona erscheinen.Dani Umpi war als Aktionskünstler zu Gast in vielen Museen, u.a. im Momenta Art (New York, 2000). 2005 brachte er seine CD „Perfecto“ (Elektropop) heraus. Mehr über Dani Umpi findet sich natürlich auf seiner Homepage www.daniumpi.com.

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 Es wird gebaut.

Seit den frühen Morgenstunden
ein ohrenbetäubender Lärm
die Möbel zittern, alles ist voller Staub.
Sechs Stockwerke im Hirn eines Architekten:
Holz, Eisen, Zement.
Schlag auf Schlag wächst es in die Höhe
ü ber die Baumkronen hinaus.
In der Sommersonne leuchten
die gelben Helme.
Der Hammer in der rauhen Hand,
und eine fremde Sprache, die
gegen den Dunst und Staub
des Betonskeletts Land gewinnt.

Die Geräusche, die wir während der Nacht hörten,
ließen uns aufschrecken. Das Wasser stand noch unberührt
in dem Glas auf dem Nachttisch. Aber da war weder Licht,
noch Zittern, noch sonst eine Bewegung
unter dem Spiegel des Mineralwassers.

Hinten im Haus kriecht der junge Dichter stochernd
in deinem Abfall.
Es ist nicht gefährlich und schon vorbei.
Deine Frau dreht sich auf die dunkle Seite im Bett.
Die kurzen Stunden verstreichen
und der Taxifahrer nickt
an einer Straßenkreuzung ein.
Im Morgengrauen erlauben mir die Spuren kein Verdrängen:
Turnschuhe auf Teer.

Wann wird es fertig sein
dieses verdammte Gebäude
nur dazu da, uns in unserer
Unzufriedenheit zu stören.

In einem riesigen Schuppen ließen wir es stehen.
So beschädigt und kaputt, wie es war.
Und der Mann im Overall sagt uns,
das läge an der ständigen Beanspruchung.

Der Mann im Overall weiß immer all.

Gebrauchte Bücher, getragene Kleider
ein langes leuchtendes Band von Ständen
schlängelt sich um den Park.

Beim Abbau bleiben Zettel zurück,
wehen davon, halten sich verzweifelt
an den Grasbüscheln fest.
Die Unglücklichen unter ihnen werden
Von den Turnschuhen
der ersten morgendlichen Jogger zertreten.

Wenn man etwas zu sehr beansprucht, geht es kaputt.
Einfach ist das und gleichzeitig so schwer.

Morgen, wenn du allein bist, denk an mich.
Im Bett auf dem Bauch liegend, in der schwarzen Kirche
betend, denk an mich.
Wenn du, benommen vom Luftdruck,
zwischen zwei unbequemen Sitzen
den Ozean mit Schallgeschwindigkeit überquerst,
denk an mich. Dein letztes Bild vorm Einschlafen
soll mir gehören.

Schwer zu reparieren, nach jahrelangem Gebrauch.
Der Mann im Overall
werkelt mit seinen Werkzeugen
versunken in der Grube seiner Werkstatt.
Nichts zu machen, sagt er. Das Gedicht springt nicht an,
die Ehe springt nicht an, der Tag springt nicht an.

(Fabían Casas)

(aus dem Spanischen Übertragen von Colores Latinos)

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Der Autor: Fabián Casas (Argentinien)

Fabian Casas wurde 1965 in Buenos Aires geboren, wo er auch heute noch als Journalist und freier Autor lebt. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände, darunter “Tuca“ (1990), “El Salmón“ (1996) und “El Spleen de Boedo“ (2003). Vor sechs Jahren erschien sein Roman “Ocio“. Der begeisterte Karate-Sportler schrieb außerdem zahlreiche Erzählungen, von denen er einige zuletzt unter dem Titel “Los Lemmings y otros“ auf den Markt brachte. Seine Gedichte und Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Mehr zu Fabián Casas findet sich im Internet: z.B. auf seiner Homepage http://fabiancasas.tripod.com/index.html, oder bei www.lyrikline.org, wo man seine Gedichte hören kann.[/dropshadowbox]

© Foto: T. Berger

 Geschichte

Die Zwergpalmen
Geräusche die wie Gase vertönen
Bleistifte eingetütet mit
kindlichem Eifer
kleinlich geordnet wie Hülsenfrüchte

Darüber war ich
ein trauriges Kind

Spaziergänge dauerten eine Stunde
das aufgebrauchte Hemd
zog Kreise in die Landschaft
türmte Brüste aus Zuckerrohrschaum auf

Darüber
blieb ich ein trauriges Kind

Hatten keine Bedeutung die Füße
wie sie Weidenbast flochten auf die Straßen
auch das am Mann aus Milch
verschüttete Weiß nicht

Fast immer war ich
ein trauriges Kind

Als der Mond krank wurde
zwang ein Schmerz ähnlich dem der Krater
langsam und behutsam
zu sagen

Vielleicht war ich einmal
ein gnadenlos trauriges Kind

In den Süßkartoffelkörben traten Berggipfel
zur Verschwörung zusammen
ein Propeller geriet gegen das Licht
die Erde gräbt Löcher wie Tiere sagtest du
da lehnte ich mich hinaus

Und wurde
ein hoffnungslos trauriges Kind

(Nora Méndez)

(aus dem Spanischen übertragen von Rike Bolte)

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Die Autorin: Nora Mendéz (San Salvador)

Nora Mendéz wurde 1969 in San Salvador geboren. Sie veröffentlichte “Atraversarte a pie a toda la vida” (2002) und “La Estación de los Pájaros” (2004) sowie “Seis” (2006), “Calentura de Amor” (2006) und “Pintura Fresca” (2006).

Ihre Gedichte sind in verschiedenen Anthologien erschienen, unter denen sich die 1996 von der Universität Michigan publizierte Sammlung “Poetics of the Resistance“ und eine demnächst in Spanien publizierte Studie zur jungen Poesie aus Mittelamerika befinden. Letztere wird im Verlag Editorial La Garúa erscheinen und von der Freien Universität Berlin ins Deutsche übersetzt werden.

Nora Mendéz wurde zu verschiedenen Festivals eingeladen, unter anderem zum “Festival de Poesía de Medellín“ (Kolumbien 2006). In den 80erJahren fungierte sie auch als Interpretin und Komponistin der Band “Nuevaamerica“.

Aktuelle Texte von der Autorin kann man in ihrem Blog „Las Puertas“ lesen.[/dropshadowbox]

[dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Latinale 2006: Allgemeine Informationen

Vom 28. Oktober bis 7. November 2006 war das lateinamerikanischen Überlandbussen nachempfundene Literaturmobil der Latinale zwischen Berlin, Bonn und München unterwegs. An Bord: Zwölf Dichter und Dichterinnen aus Argentinien, Brasilien, Chile, der Dominikanischen Republik, Mexiko, Peru, El Salvador und Uruguay, die in den drei Städten aus ihren Werken vorgetragen haben.

Die Gedichte waren so vielfältig wie die Herkunft der Autoren und das Motto des Festivals: „Überland und leuchtende Städte“. Die Lesungen präsentierten eine Poesie, die ankommt beim Publikum und die zahlreiche Menschen auf der Latinale begeisterte. Diejenigen, die nicht live dabei sein konnten, können sich den ersten und zweiten Teil der Latinale-Lesungen in Berlin als mp3-Datei HIER herunterladen. Allerdings ist eine schnelle Internetverbindung notwendig, denn die Audiodateien sind bis zu zwei Stunden lang.

Rike Bolte und Timo Berger (© Foto: Alavia.com)

Rike Bolte und Timo Berger (© Foto: Alavia.com)

Es war die erste Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Der große Erfolg schien auch die künstlerische Leitung des Festivals, Rike Bolte und Timo Berger, ein wenig zu überraschen. Aber er war verdiente Belohnung für die mühevolle Vorbereitung des Events: Über gut ein Jahr erstreckten sich die Vorbereitungen für die Latinale 2006. Dabei nahmen die Verhandlungen mit Sponsoren zur Finanzierung der Latinale die meiste Zeit in Anspruch. Ein Großteil des Geldes wurde schließlich von der Kulturstiftung des Bundes beigesteuert. Mit dem Instituto Cervantes in Berlin und den Veranstaltungsorten in München und Bonn konnten hervorragende Partner für die Durchführung und Organisation des Festivals gewonnen werden.

Ohne die umfangreichen Erfahrungen und Kontakte der Organisatoren wäre das Dichterfest nie zustande gekommen. Berger hat bereits 2003 in Argentinien mit „Salida al Mar“ ein großes Poesiefestival mit mehr als 60 Autoren organisiert, zusammen mit Bolte betreibt er seit gut einem Jahr unter www.latinlog.de einen Weblog, auf dem jede Woche ein Gedicht von einem/r zeitgenossischen Autor/in aus Lateinamerika und seine deutsche Übersetzung veröffentlicht wird. Angespornt von der Latinale 2006 denkt man nun über ein Folgefestival in 2007 oder 2008 nach.[/dropshadowbox]

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