Latinale 2007: Scherben, Poesie und die Schöne und das Biest

10. Dezember 2007 | Von | Kategorie: Kultur

Keine Glasscherbe gleicht der anderen. Eine einzelne Scherbe ist nur ein kleiner Teil, ein Fragment, ein winziger Ausschnitt eines großen Ganzen, das sich weder optisch noch physisch vollständig (er)fassen lässt. Die vielen Bruchstücke zu einer Flasche, einer Vase oder einem Mosaik zu komplettieren, bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen. Manche dieser Scherben schneiden tief, schmerzen, gehen unter die Haut, wenn wir sie berühren. Andere dagegen sind stumpf, vermögen kaum an der Oberfläche zu kratzen, hinterlassen keine Spuren, selbst wenn wir sie mit festem Griff umfassen.

Was wir von der Umgebung sehen, wenn wir durch eine Glasscherbe hindurchblicken, hängt nicht zuletzt von uns selbst ab. Je nachdem, wie wir ein solches Glasstückchen in der Hand halten und in die Sonne drehen, zeigt sich uns die Welt plötzlich in einem anderen Licht, aus einer anderen Perspektive: Was wir zuvor – weil klein und unscheinbar am Rande des Blickfelds – nicht wahrgenommen haben, steht nun im Focus der Linse. Was zuvor verdeckt im Schatten lag, wird in gleißendes Licht gezerrt. Was zuvor für uns unsichtbar war, wird nun – zumindest für einen Augenblick – transparent. Und umgekehrt! Nehmen wir dann eine andere Scherbe und schauen durch sie hindurch, verliert sich, was eben noch glasklar in der Mittagssonne funkelte, auf einmal in der Dunkelheit tiefblauer Töne.

Ein Gedicht ist wie eine solche Glasscherbe. Es gibt nie gleich alles von dem preis, was es zu sagen hat, es ist nicht eindeutig und enthält – je nachdem, wie man es betrachtet – viele unterschiedliche Darstellungen der Welt. Durch die „verdichtete“ Sprache der Poesie gelangt manches ans Lichts, was sonst im Dschungel der Wörter untergehen würde. Natürlich gibt es für Poesie keine allgemeingültigen Dechiffrierungs-Parameter. Aber gute Poesie kann man spüren: sie kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern geht – wie eine scharfe Glassscherbe – unter die Haut, hinterlässt mehr oder weniger tiefe Spuren in dem, was wir Seele nennen! Darin liegt die Macht der Lyrik: Uns zu berühren, uns zu bewegen, uns Anstoß und Anregung zu geben. Nicht mehr und nicht weniger!

„Scherben, Poesie und Zwittertöne“ – der Titel der diesjährigen „Latinale“ war daher perfekt gewählt. Im Rahmen des mobilen Festivals für lateinamerikanische Poesie präsentierten zwölf Dichter und Dichterinnen aus Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Peru und Uruguay sich und ihre Werke in verschiedenen Städten Deutschlands. Nur zwölf Stimmen ausgewählt aus dem Meer von tausenden Autoren und Autorinnen des riesigen Kontinents – und doch lassen sie den immensen Reichtum, die Tiefe und die ganze Kraft der lateinamerikanischen Lyrikszene erahnen. Die Lesungen in Berlin, Potsdam, Hamburg, Leipzig und Köln begeisterten die zahlreichen Besucher nicht nur wegen der Themen- und Stilvielfalt der vorgetragen Texte. Gerade die Präsentationen selbst – klassische Lesungen im Wechsel mit teils schrillen, teils theatralischen Performances vorgetragen von den Autoren und Autorinnen selbst – hinterließen einen tiefen Eindruck im Publikum.

Wie im Vorjahr hat die „Latinale“ uns die seltene Möglichkeit eröffnet, hierzulande so gut wie unbekannte Stimmen zu hören und Stimmungen aus ganz Lateinamerika einzufangen – aus den unterschiedlichsten Ländern und Milieus, aus Megacities, vom „platten“ Land, aus dem Zentrum oder der Peripherie des Kontinents.

Die Macht dieser Poesie? Illusorisch zu glauben, dass in unserer Zeit und in unserer Welt, in der politische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung regieren, in der ein Menschenleben vielerorts keinen Pfifferling wert ist, eine Welt, in der die individuelle Freiheit des Menschen, sein Anspruch auf Bildung, die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben eher die Ausnahme denn die Regel ist, ein einfaches Gedicht grundlegende gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen kann. Das gilt auch für Lateinamerika, für lateinamerikanische Poesie, für die Texte der zwölf Dichter und Dichterinnen der „Latinale 2007“. Doch durch ihre Gedichte lassen sie uns teilhaben an ihrer Realität, machen uns klar, was sie fühlen und denken: Zum Beispiel über den Alltag der Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana, die Verkäufer am Bahnhof Once in Buenos Aires oder die Versuche von Teilen der chilenischen Mittelklasse, sich von den Verbrechen der Militärdiktatur rein zu waschen. Mit ihren Worten und Performances bringen sie uns zum Lachen, wühlen uns auf, zwingen uns zum Nachdenken, hinterlassen mitunter tiefe (Schnitt-)Spuren in unseren Seelen. Auch, indem sie uns verschmitzt und ungeschminkt den Spiegel vorhalten wie die Bolivianerin Jessica Freudenthal mit diesem kurzen Gedicht:

„Die Schöne und das Biest“

Von dieser Geschichte gibt es nicht viel zu erzählen
Nur das es ein reines Märchen ist
Und ich bin schön
Und du ein Biest

Nun ja, für alle Lyrikfans haben die Organisatoren der „Latinale“ bereits einen Großteil der Lesungen auf der Homepage des Festivals als Audiofile hinterlegt.

Linkfoto: Stihl024, Pixelio.de

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„Schwarze Kuh auf rosa Grund“

Bis zu meinem fünften Lebensjahr hatte ich noch keinen Güterzug gesehen;
bis zu meinem achten keinen Meteorologen,
Das Mädchen mit chinesischen Schatten
War eines Tages mein Mädchen mit chinesischem Schatten und den da, der
am Strand im Sand spielt, nennen wir unseren Sohn, dann das ist es, was er
ist, wie der blaue Ball in seinen Händen der blaue Ball in seinen Händen
und der Sommer noch ein blauer Ball in seinen Händen ist. Die Dinge
sind, was sie sind, und ich weiß, dass sie, bevor ich mich wieder
rasieren muss, schon wieder in die Kälte ihrer neuen Heimat
zurückgekehrt sein werden. Und vielleicht werden meinen
Träumen wieder die drei Dimensionen dieser
Welt fehlen, die so kompakt ist wie eine
schwarze Kuh auf rosa Grund.

(Aus dem Portugiesischen übertragen von Rike Bolte und Aníbal Cristobo)

 „Vaca negra sobre fundo rosa“

Até os cinco anos de idade jamais havia visto um trem de carga;
e até os oito jamais um meteorologista.
A garota com sombrinha chinesa
foi um dia a minha garota com sombrinha chinesa, e a este
que brinca na areia da praia chamamos nosso filho, pois
é o que è, como a bola azul em suas mãos é a bola azul
em suas mãos e o verão è outra bola azul em suas mãos.
As coisas são o que são e sei que antes de precisar
outra vez barbear – me já terão voltado para o frio
de seu novo país. E talvez em meus sonhos
voltem a fazer as três dimensões
desse mundo espesso como uma
vaca negra sobre fundo rosa.

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Carlito Azevedo

Carlito Azevedo

Carlito Azevedo

Der studierte Literaturwissenschaftler (Jahrgang 1961) lebt in Rio de Janeiro und ist seit Beginn der 1990er Jahre als Lyriker, Übersetzer und Verleger sehr aktiv. Er hat die Gedichtbände “Collapsus Linguae“ (1991), “As banhistas“ (1993), “Sob a noite física“ (1996) ”Versos de circunstância” (2001) und “Sublunar” (2001) veröffentlicht.

Carlito Azevedo ist Herausgeber der Zeitschrift “Inmigo Rumor“, außerdem koordiniert er die Lyrikreihe “As de Colete“, in der jüngere brasilianische Poesie publiziert wird.

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„Das Fotokopiergerät“

Morgen, wenn ich sterbe,
werde ich nicht mehr schwarz sein
und nach einer Weile (über mein Schwarzsein hinaus)
auf die Welt zurückkehren,
verwandelt in ein Fotokopiergerät.
Aber aufgepasst!
Nicht als Xerox, Canon oder Nashua!
Nur diese wahnsinnigen Japaner
bringen es fertig, Maschinen
auf Vogelnamen zu taufen!
Ich werde eine Kopiermaschine sein
und wie ein Vogel fliegen.
Werde die ganze Welt kopieren,
sie rülpsend wiedergeben, durch den Mund
und, wenn es sein muss, scheißend
Kopien über Kopien, jeden und
jede werde ich unsterblich machen
auf einer Kopie.
Kopien über Kopien!
Werde alles von mir geben, durch den Mund, die Haut
und die ganze Welt einstecken
mit nem Fälscherlächeln.
In der Kunst und Literatur
bin ich ein Fotokopiergerät;
so ist mein Leben: eine Kopie
einer früheren Kopie mit besserer Qualität.
Alles hat eine bessere Qualität als das eigene Leben!
Ich will nur das Wort einladen,
die Sprache soll
keine Kette von Flüchen sein
im Mund der Menschen.

Die Sprache soll eine Blume sein
wie Paquita, die über die Mauer späht.

Die Sprache soll keine unnahbare Braut sein,
nur weil du keine Karre hast!

(Aus dem Spanischen übertragen von Timo Berger)

 „La fotocopiadora“

Mañana cuando me muera
dejaré de ser negro
y al ratito (por sobre mi negritud)
volveré al mundo convertido
en una fotocopiadora.
¡ Mas, atentos!
¡ Nada de Xerox, Canon o Nashuas!
¡ Sólo la locura japonesa
puede ponerle nombres de
pájaros a las máquinas!
Seré una máquina copiadora
Y volaré como un pájaro.
Copiaré al mundo entero,
soltaré eructando por la boca
y cagando ¡si es necesario!
copias y copias, a todos
y a todos los inmortalizaré
en una copia.
¡ Copias y copias!
soltando todo por la boca y el cuero
y llevarme al mundo entero
en una risa de copiero.
En arte y literatura
soy una fotocopiadora;
eso es mi vida: copia
de otra anterior de mejor calidad.
¡ Todo es de mejor calidad que la vida de uno!
Yo solo quiero invitar a la palabra
que el lenguaje no sea
carriles de insultos en la boca
de las personas.

¡Que el lenguaje sea una flor como Paquita
espiando subida al muro!

¡Que el lenguaje se novia no inabordable
porque no tenés coche!

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Washington Cucurto

Washington Cucurto

Washington Cucurto

Washington Cucurto wurde 1973 in der argentinischen “Bierstadt” Quilmes (Provinz Buenos Aires) geboren. Sein lyrisches Debut “Zelarayán“ (1998) wurde 2001 auf Empfehlung des argentinischen Secretaría de Cultura de la Nación aus den öffentlichen Bibiliotheken entfernt, da ihm Pornographie und Rassismus vorgeworfen wurde.

Preisgekrönt ist das Werk trotzdem: Cucurto bekam für seinen Erstling den 1. Preis des “2. Concurso hispanoamericano Diario de Poesía“. Weitere Publikationen sind “La maquina de hacer paraguayitos” (1999), “Veinte pungas contra un pasajero” (2003), “La cartonerita” (2003) und “Hatuchay” (2005) sowie die Romane “Cosa de negros” (2003), “Las aventuras del Señor Maíz” (2005) und “El curandero del amor” (2007). In deutscher Sprache erschien von ihm eine Auswahl von Gedichten in dem Band “Die Maschine, die kleine Paraguayerinnen macht” (2004) und in “Kein Messer ohne Rose“ (2007).[/dropshadowbox]

 „Vorklatscher“

„Mädchen, die nicht lachen,
werden niemals tanzen“
Charly Garcia

Man muss glamourös sein,
ohne der billigen Extravaganz zu verfallen.
Man braucht eine Go Go-Frisur,
ein Piercing und ein Tatoo.
Man muss Punk sein,
Glam, Rocker, Hippie,
Raver und Darkwaver.

Aber vor allem
Muss man fashion sein.
Man braucht einen Freund, der glaubt,
“ Monogamie“ sei der Name
einer japanischen Speise.

Man muss Fahrstuhl- oder Supermarktmusik hören,
Wegwerfpop aus der Konserve,
vorgekauten und vorverdauten Easy Listening.

Aber vor allem muss man sich die Ohren zuhalten.

Man muss gebildet sein,
Kaffeehausintelelektueller
bei Zeitung und Zigaretten.

Aber vor allem muss man Paolo Coelho lesen.

„Sophokleis“

“Las chicas que no saben reír
jamás van a bailar”
Charly Garcia

Hay que ser glamoroso
pero sin caer en la extravagancia obvia.
Hay que tener un peinado a go-go,
un piercing y un tatoo.
Hay que ser punky,
glam, rocker, hippie,
raver y darketo.

Pero ante todo
hay que ser fashion.
Hay que tener un novio que piense
que la palabra “monogamia” es el nombre
de una comida japonesa.

Hay que oír música de elevador o de supermercado,
Pop desechable, enlatado,
easy listening digerido y masticado.

Pero ante todo hay que taparse los oídos.

Hay que ser culto,
Intelectualoide de café,
periódico y cigarro.

Pero ante todo hay que leer Paolo Coelho.

(Aus dem Spanischen übertragen von Sarah Otter)

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Jessica Freudenthal Ovanda

Jessica Freudenthal Ovanda

Jessica Freudenthal Ovanda

Die in Madrid geborene Dichterin lebt in La Paz, Bolivien. 1998 veröffentlichte sie den Gedichtband “Azul“ und 2003 gelang ihr mit “Hardware“ ein vielbeachtetes Werk, das mit dem ersten Preis des “Concurso Nacional de Poesía Yolandra Bedregal“ ausgezeichnet wurde. Gedichte von Jessica Freudenthal finden sich auch in Anthologien, so in “La nueva poesía hispanoamericana: momentoy y the best poets and poetry“ (2003).

Die Bolivianerin ist Herausgeberin der Literaturzeitschrift “El Mostro“ und unterrichtet Kreatives Schreiben in Mexiko. 2006 nahm sie am lateinamerikanischen Poesiefestival “Salida al Mar“ in Buenos Aires (Argentinien) teil.[/dropshadowbox]

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