Mexiko: Der Tod des Weihnachtsmanns

13. Dezember 2006 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

In einem abgelegenen Dorf in der Sierra de Maltrata im mexikanischen Bundesstaat Veracruz versammeln sich jedes Jahr am 24. Dezember die Kinder, um dem toten Weihnachtsmann, der in Mexiko Santa Claus heißt, zu gedenken. Weil dies die Kinder nur hier und sonst nirgendwo auf der Welt tun, hat sich der kleine Ort, in dem nicht einmal 200 Seelen leben, vor zehn Jahren einen neuen Namen gegeben: früher war er als San Pablo Chalchicomula bekannt, heute jedoch heißt er San Pablo de Santa Claus.

Auch die Erwachsenen dort glauben fest daran, dass Santa Claus, der Weihnachtsmann, wirklich gelebt hat. Jeden, der daran zweifelt, führen sie zum Grab dieser geheimnisvollen Persönlichkeit. Das einfache Grabmal liegt an einer der besten Stellen auf dem Friedhof des Dörfchens. Auf der groben Platte aus Bruchstein, die das Grab bedeckt, ist diese Inschrift eingraviert: “Hier ruht Santa Claus, erfüllt und zufrieden gestorben um Mitternacht des 24. Dezember 1991, als er den Kindern von San Pablo die Geschenkte überbrachte. Wir werden stets in großer Trauer aber voller Liebe an ihn denken.“

Für all jene, die nicht davon überzeugt sind, dass die Kinder der ganzen Welt an den Weihnachtsmann glauben sollten, erzähle ich diese Geschichte, ganz genauso wie sie mir vom Bürgermeister von San Pablo de Santa Claus erzählt worden ist. Er bat mich aber, sie nicht in San Pablo selbst zu erzählen. Denn seit dem Tod des Weihnachtsmanns, verbringen die Kinder dort viel Zeit damit, aus Stroh und Sand kleine Figuren vom Weihnachtsmann herzustellen, um sie in der Weihnachtszeit zu verkaufen. So kommt etwas Geld, einige Pesos nur, in das Dorf. Damit können dann zur Freude der Kinder in der Stadt Orizaba Weihnachtsgeschenke gekauft werden. Es reicht sogar auch für die Fiesta und das Festessen, mit der die Erwachsenen jener Nacht gedenken, in der der Weihnachtsmann hier gestorben ist. Denn ein solcher Gedenktag muss gebührend gefeiert werden, schließlich kann sich kein anderer Ort auf der Welt eines solch außergewöhnlichen Ereignisses rühmen.

Natürlich ist der Heilige Abend in San Pablo ein trauriger Abend, eine traurige Nacht, weil man sich daran erinnert, wie der Weihnachtsmann gestorben ist. Aber letztlich hat das armselige Dorf nun etwas, was des Gedenkens wert ist. Denn bevor der Weihnachtsmann hier gestorben ist, gab es nicht einmal ein Dorffest, Weihnachten war traurig und leer. Heute ist es immer noch traurig, aber vom 24. bis 25. Dezember sind alle im Dorf ganz erfüllt vom Gedenken an ihren Schutzpatron, Santa Claus, den Weihnachtsmann von San Pablo.

Nun aber los mit der Geschichte, wie sie sie mir erzählt haben, erzähle ich sie euch:

Ende der dreißiger Jahre kam mit der Welle der Flüchtlinge, die vor dem spanischen Bürgerkrieg flohen, ein Gallizier aus Vigo nach Mexiko. Er hatte nicht viel Grips, dafür konnte er hervorragend Brot backen. Keiner wusste genau, warum er Spanien verlassen hatte. In seiner Heimat hatte ihn Francos Mannen um seine wenigen Habseligkeiten gebracht. Die Armee zwang ihn, Brot für die Soldaten zu backen und bezahlte ihn mit Schuldscheinen, die er erst nach Kriegsende in Geld tauschen könne. Als der Krieg vorbei war, wusste er nicht, bei wem er die Wechsel einlösen sollte. Schließlich überredete ihn ein anderer Bäckergeselle, eine Schiffspassage zu kaufen und nach Amerika zu fahren, um dort sein Glück zu machen. Sein spanisches Aussehen half ihm in Veracruz, ins Land zu kommen und ohne zu wissen wie und warum gelangte er schließlich nach Orizaba. Ihm gefiel das Klima und das dort viele Landsleute lebten. Er begann, das einzige zu machen, was er konnte: Brot backen.

Wie viele Flüchtlinge dachte er nur daran, Geld zu verdienen, um alsbald möglich nach Galizien zurückkehren zu können.

Weil er sehr bescheiden, ja armselig lebte und alles sparte, was er verdiente, hatte er bald mehr und mehr Geld. Er lernte zufällig etwas über die Geheimnisse des grauen Kapitalmarkts und fing an, das Geld, was er mit dem Brotbacken verdiente, gegen hohe Zinsen zu verleihen. Sein Leben entglitt ihm, er wurde zu einem jener menschenfeindlichen Wucherer, für die nichts anderes zählt als möglichst viel Geld zu machen. Sein Vermögen wuchs bis er zu den reichsten Menschen der ganzen Region gehörte. Seine grundlegende Lebenseinstellung gestattete ihm aber keine größeren Freuden als schlecht zu essen, schlechte Kleidung zu tragen und gelegentlich einsam eine Flasche billigen Rotweins zu trinken, den einzigen Luxus, den er sich erlaubte.

Nur an die Rückkehr nach Galizien denkend tauschte er alles was er besaß in Bargeld um. Er interessierte sich nicht für Frauen, weil das zwangsläufig nur zu Ausgaben geführt hätte. Er heiratete nie und hatte auch keine Kinder. Er wurde älter und älter ohne andere Vergnügen zu kennen, als seine Arbeit, Geld verdienen und Geld zusammenzuhalten. Er war ein typischer Geizhals: scheinbar zufrieden, ohne das Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden.

In der kalten Nacht des 24. Dezember 1990 machte der Galizier sich nach einem arbeitsreichen Tag müde auf den Heimweg. Inzwischen hatte er mehr als achtzig Jahre auf dem Buckel, das Gehen fiel im schwer. Ein Betteljunge kam auf ihn zu und bat ihn um eine milde Spende, die er natürlich nicht gab. Der Junge schenkte im trotzdem ein süßes Karamellbonbon, eines von denen, die immer während der Weihnachtzeit verteilt werden. Er setzte seinen Weg fort und entschloss sich, bei einem seiner vielen Schuldner vorbei zu schauen, der sich mit seinen Zahlungen im Verzug befand. Er klopfte an die Tür des Schuldners, sie wurde geöffnet und sofort wurde er eingeladen, gemeinsam mit der Familie am festlich gedeckten Weihnachtstisch zu essen. Da man ihn eh nicht bezahlen konnte, nahm er die Einladung an, so konnte er wenigstens die Kosten für ein Essen einsparen. Seine Gastgeber behandelten ihn mit viel Aufmerksamkeit und Zuneigung und verabschiedeten ihn mit dem Versprechen, bald zu zahlen.

Kurz vor seinem Haus kam der Alte an einer kleinen Kirche vorbei. Der Pfarrer sah ihn und lud ihn ein, mit in die Sakristei zu kommen, um ein Glas von dem Wein, den er so mochte, zu trinken. Er nahm die Einladung an und zechte mit dem Pfarrer bis es fast Mitternacht schlug. Er verabschiedete sich vom Pfarrer, der ihm die klassischen Weihnachtswünsche nachrief: „Fröhliches Fest!“ Als er gerade in sein Haus eintreten wollte, sah er direkt neben seiner Haustür drei kleine Kinder liegen, gegen die Kälte zusammengekauert und zugedeckt mit alten Zeitungen. Er weckte sie, die Kleinen lächelten und wünschten ihm „Fröhliche Weihnachten“ und rollten sich dann wieder in ihr Zeitungspapier ein und setzten ihren unterbrochenen Schlaf fort. Als der alte Galizier in seinem Haus war, spürte er wie die Einsamkeit ihn zum ersten Mal in seinem Leben in die Knie zwang. Er ging zu Bett, konnte aber nicht schlafen. Schluchzend entdeckte er in dieser Nacht, dass mit anderen geteilte Freude der wertvollste Schatz ist, die ein Mensch besitzen kann.

Früh am nächsten Morgen ging er in die Kirche, um den Pfarrer, der ihn am Abend zuvor eingeladen hatte, um Rat zu bitten. Weinend erzählte er ihm von seiner inneren Leere, von seiner Einsamkeit und seinem Frust, gestand dass seine Träume, nach Galizien zurückzukehren, ihn eigentlich immer nur erschreckt haben. Zunächst, weil er sein ergaunertes Vermögen nicht mit seinen armen Verwandten teilen wollte, und später, viele Jahre später, weil es in Galizien niemanden mehr gab, mit dem er sein Leben hätte teilen können.

Der Geistliche verharrte wie erstarrt angesichts der unerwarteten Ankündigung des Galiziers, einen Teil des Vermögens an die Bedürftigen abgeben zu wollen. Er konnte dem Alten – sicherlich beeinflusst von der weihnachtlichen Stimmung – nur folgenden Ratschlag geben: „Mach den Kindern eine Freuer, sei Santa Claus!“

Der Galizier nahm sich den Rat des Pfarrers zu Herzen. Von diesem Tag an verbrachte er seine Zeit damit, nach Menschen zu suchen, denen er helfen konnte. Sich an den Betteljungen erinnernd, der ihm ein Karamellbonbon schenkte, obwohl er ihn zuvor brüsk zurückgewiesen hatte, trug er stets eine große Tüte mit Karamellen bei sich und verschenkte die Bonbons an Kinder, auf die er traf. Sich an die Familie erinnernd, die ihn zum Abendessen eingeladen hatte, als er sein Geld eintreiben wollte, erließ er all seinen Schuldnern die Rückzahlung. Er verstand die symbolische Bedeutung des gemeinsam getrunkenen Weins und eilte zu den Hospitälern, um denjenigen zu helfen, die von Krankheiten gepeinigt werden. Ein guter Teil seines Vermögens gab er an Einrichtungen für Straßenkinder. Und Nacht für Nacht lief er durch die Stadt um den Kleinen zu helfen, die er schlafend in den Straßen fand.

So ging das ganze Jahr 1991 vorüber. Immer bereit zu helfen, tat der alte Galizier noch viel mehr, aber in seinem Innern litt er große Qualen sehr angesichts des großen Elends der Straßenkinder, auf das er täglich stieß. Er glaube, nicht genug zu tun. Er fragte den Pfarrer, der mittlerweile ein guter Freund geworden war, um Rat, wie er seine Schmerz angesichts des Elends in den Straßen lindern könne. Der Geistliche wiederholte den Rat, den er ihm schon einmal gegeben hatte: „Mach den Kindern eine Freuer, sei Santa Claus, sei der Weihnachtsmann!“ Verzweifelt und gequält frage er nach: „Wo, wie, wen, wann?“ Der Pfarrer antwortete ihm ruhig: „Du kannst nicht allen Kindern immer und jederzeit helfen, aber du kannst denjenigen deine ganze Zuneigung und Aufmerksamkeit schenken, die sich nur eine besondere Freude für das Weihnachtsfestes wünschen. Weihnachten suchst du Dir ein Dorf in den Bergen, wo der Weihnachtsmann oder die drei niemals heiligen Könige niemals hinkommen. Wenn du die Ärmsten der Armen in den Bergen gefunden hast, die Bedürftigsten der ganzen Region, diejenigen, die niemals daran gedacht haben, dass es den Wehnachtsmann oder die drei heiligen Könige wirklich geben könnte, dann schenke diesen Menschen einen Besuch vom Weihnachtsmann. Mit einem Tag voll des Glücks gibst du ihnen einen Schatz voller Erinnerungen, der sie ihr ganzes Leben begleiten wird.“

 

In der Umgebung von Orizaba gibt es viele kleine Dörfer, in die Santa Claus, der Weihnachtsmann, niemals kommt. Der Galizier machte sich auf die Suchte nach dem elendsten dieser Orte. Schließlich fand er es in den Bergen der Sierra de Maltrata, es hieß San Pablo Chalchicomula. Er mietete einen schweren Lastwagen und ließ ihn bis unters Dach mit Kleidung, Spielzeug und Süßigkeiten füllen. Und um wirklich wie der Weihnachtsmann auszusehen, kaufte er sich einen roten Mantel, eine rote Mütze und einen weißen Bart.

Am Abend des 24 Dezember 1991 brach der Alte verkleidet als echter Weihnachtsmann in Richtung Sierra de Maltrata auf. Der Weg ist sehr schwierig, die steilen Anstiege und vielen Kurven machen die Reise sehr gefährlich. Der galizische „Weihnachtsmann“ scheute die Gefahren nicht und um 23:30 in der Nacht des 24. Dezembers, erreichte er den Pass und begann die steile Abfahrt nach San Pablo. Dichter Nebel verhüllte die Nacht, nicht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit und zu dieser Stunde. Mehr als 500 Höhenmeter mussten noch überwunden werden, voll von engen Serpentinen. Schon in der ersten Kurve verlor der alte Weihnachtsmann die Kontrolle über den Lastwagen. Das Fahrzeug stürzte hinab, überschlug sich zwei oder drei Mal und schleuderte seine gesamte Ladung aus Spielzeug, Kleidung und Süßigkeiten und auch unseren Weihnachtsmann den Abhang hinunter. Der Lastwagen blieb oben am Hang liegen, aber das Spielzeug, die Kleider und die Süßigkeiten fielen zusammen mit dem Weihnachtsmann den gesamten Berg bis zu der Stelle hinab, wo das kleine Dorf San Pablo Chalchicomula liegt. Vom Lärm des Unfalls waren dort die Menschen erwacht. Sie liefen aus ihren Häusern hin zum Weihnachtsmann, der, als er die Kinder sah, nur noch sagen konnte: „Fröhliche Weihnachten, ich liebe euch…“ – dann starb er.

Wie Ihr sicherlich feststellen konntet, ist diese Weihnachtsgeschichte traurig, so traurig wie das Leben in den Bergen Mexikos. Dort gibt es arme Kinder, die nun nie mehr vom Weihnachtsmann besucht werden können. Denn der ist gestorben, wie euch die Kinder von San Pablo de Santa Claus bestätigen werden. Sie haben gesehen und gehört, wie er seine letzten Worte voller Liebe an sie gerichtet hatte. Die Freude, die Santa Claus, der Weihnachtsmann, an diesem 24. Dezember den Kindern von San San Pablo Chalchicomula brachte, war so groß, dass man das Dorf in “San Pablo de Santa Claus” umbenannt hat.

Aus dem mexikanischen Spanischen übertragen von Alavia.com.

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