Nicaragua: Aus 14 mach 12

9. März 2009 | Von | Kategorie: Reisen

Ausgangspunkt für zwei der größten Attraktionen des Landes: den Nationalpark am San-Juan-Fluss und der Solentiname-Archipel im See. Wer nicht mit dem Boot kommt, kann nur mit dem Flugzeug an- oder abreisen. Und das kann schnell zum Rechenspiel werden.

In einer riesigen Staubwolke kommt unser Taxi am Flugplatz San Carlos zum Stehen, direkt neben einem Schild, das uns darüber aufklärt, dass wir im Begriff sind, die „leprafreie Zone San Carlos“ zu verlassen. Der feine Staub nimmt uns sofort gefangen, als wir aussteigen. Als die Luft um uns herum wieder klar ist, händigt uns der Taxifahrer das Gepäck aus und wir gehen die paar Schritte zur Abfertigungshalle hinüber. Nun ja, “Halle“ ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Die Abmessungen des „Terminals“ würden die Bauvorschriften einer deutschen Schrebergartenkolonie kaum sprengen. Doch wir stehen vor verschlossenen Türen – außer uns sechs ist kein Mensch da. Etwas verunsichert schauen wir uns an – aber laut Ticket soll unser Flugzeug doch um 9:00 Uhr – in weniger als einer Stunde also – starten. Miguel, unser einheimischer Guide, beruhigt uns: „Kein Grund zur Panik! Wir haben noch Zeit! Die von der Bodencrew frühstücken um diese Zeit noch, und die Flughafenchefin pinselt sich sicher noch ein wenig Farbe auf Wangen und Lippen.“

Staubwolken künden nahende Fahrzeuge an – es treffen jedoch nur ein paar weitere Fluggäste ein, die sich nun mit uns zusammen in Geduld üben müssen. Eine Stunde später bewegt sich außer den immer wieder in den wolkenlosen Himmel starrenden Augenpaaren von insgesamt vierzehn Möchtegern-Passagieren noch immer nichts am Aerodromo de San Carlos – keine Spur von Flughafenpersonal oder Flugzeug.

Plötzlich rast ein Auto heran, bremst mit knirschenden Reifen, und noch bevor die aufgewirbelten Staubfahnen das Fahrzeug erreichen, springen drei Uniformierte aus dem Wagen. Die beiden älteren sind offenbar für Sicherheit und den Krieg gegen den Terror am Flugplatz verantwortlich – was man unschwer an den umgehängten Maschinenpistolen und ihrem bedeutsamen Gesichtsausdruck erkennen kann. Der jüngste der drei Ankömmlinge trägt eine adrette blauweiße Uniform – ganz offensichtlich ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft! Hoffnung keimt auf! „Bitte eine Schlange bilden“ lautet sein Kommando an uns, während er das Terminal aufschließt. Brav bilden alle eine Warteschlange – nur ein amerikanisches Paar muss sich ganz nach vorne drängeln.

Der Reihe nach trägt der junge Mann alle Wartenden in eine Liste ein: die beiden Amis erhalten die Nummer 1 und 2, unsere Gruppe die Nummer 3 – 8 und die anderen Fluggäste werden unter den Zahlen 9 – 14. Damit scheint er seine Aufgabe erfüllt zu haben, ob und wann die ersehnte Maschine kommt, weiß auch er nicht.

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Langsam werden wir ungeduldig. Mittlerweile ist es viertel vor Zehn – wir müssten eigentlich schon im Landeanflug auf Managua sein. Na endlich! Noch ein Auto fährt vor. Nach ein paar Augenblicken – die obligatorische Staubwolke geschickt vermeidend – steigt eine dralle, nicht mehr ganz junge Dame aus. Auch sie trägt die schicke blau-weiße Uniform der “La-Costeña“-Fluggesellschaft – ein wundervoller Kontrast zu ihrem pechschwarzen Haar und den feuerroten Lippen. „Die Flughafenchefin“, raunt uns Miguel zu. In aller Ruhe nimmt sie am zweiten Schreibtisch – pardon Schalter – Platz, holt bedächtig ein blütenweißes Blatt Papier aus der Schublade, legt es vor sich auf den Tisch, schaut auf die Liste, die ihr der junger Kollege gereicht hat und kommandiert: „Bitte alle der Reihe nach aufstellen!“

Seufzend gehorchen wir. Die Amerikaner mit den Nummern 1 und 2 stehen natürlich wieder ganz vorne. Dann kommen wir dran. Die Statthalterin der Airline kontrolliert Flugscheine und Pässe, notiert noch einmal unsere Namen, während ihr Mitarbeiter unser Gepäck wiegt. Sorgfältig wird das Gewicht unserer Reiseutensilien neben unseren Namen notiert. Die Bändchen mit Flugnummer und Namen am Gepäckstück anzubringen ist in San Carlos Chefsache! Die Machete – als praktisches Mitbringsel für den deutschen Ziergarten gedacht und das Taschenmesser müssen aber als Sondergepäck aufgegeben werden! Unser Reiseleiter Miguel ist die Nummer acht auf der Liste.“SIE bleiben zurück! Und die Dame aus Honduras, Listennummer 12!“, herrscht ihn die Doña von “La Costeña“ an. Das Flugzeug hat nur zwölf Plätze, aber 14 Plätze sind für diesen Flug fest gebucht! Das heißt: Europäer und Amerikaner dürfen fliegen, Latinos nicht!

Wir sind entsetzt – wir sind auf unseren Spanisch sprechenden, kundigen Guide angewiesen. Alles wurde vor über einem halben Jahr gebucht! Er darf nicht zurückbleiben. Auch die Frau aus Honduras protestiert lautstark. Sie ist eine bekannte Dichterin auf dem Weg zum berühmten Poesie-Festival von Granada, der wunderschönen Kolonialstadt in der Nähe von Managua. Heute Abend soll sie ihre ersten Lesungen halten. Doch die Herrin des Flugplatzes bleibt hart. Ob man mit „Bakschisch“ etwas erreichen kann?

Miguel ruft seine Agentur an, die setzt sich sofort mit der Zentrale der Fluggesellschaft in Verbindung. Ein Telefonat jagt das andere. Auch die Dichterin hat telefonische Unterstützung gerufen. Aufgeregt zitiert die blau uniformierte Dame vom Dienst einen weiteren “La Costeña“-Angestellten herbei. Sie diskutieren, besprechen sich „konspirativ“ außerhalb des Gebäudes, kommen gemeinsam zurück und bedrängen die Honduranerin, auf ihren Platz zu verzichten Doch die wehrt sich lautstark. Und ein Flugzeug ist noch immer nicht in Sicht.

Miguels Reiseveranstalter – ein wichtiger Kunde der Airline – hat sich durchgesetzt: er darf mitfliegen. Auch die Dichterin hat offenbar einflussreiche Fürsprecher: auch ihr Platz im Flieger ist gesichert. Doch das hat weiterhin nur 12 Plätze – und es warten noch immer 14 Passagiere. Das Bodenpersonal berät sich. Da steht ja noch das Paar aus den Staaten! Zwar ist in Nicaragua der Slogan „Yankee go home“ politisch korrekt, doch jetzt sollen die Amerikaner dableiben. Die beiden wehren sich, drohen mit Schadenersatzklagen, schimpfen wie die Brüllaffen am nahen Río San Juan.

Die Zentrale in Managua trifft die endgültige Entscheidung: „…die zuletzt gebuchten Plätze werden gestrichen.“ Die beiden Amerikaner müssen hier bleiben! Sie explodieren förmlich. Erleichterung bei uns anderen Zwölf. Plötzlich mischt sich in das Gezeter der Yankees ein tiefes Brummen. Das Flugzeug – endlich! Nur 10 Meter von uns entfernt setzt die Riesen-Cessna auf der Landepiste auf. Einer der Sicherheitsposten hält uns in sicherem Abstand von der Maschine, die sofort vom Staub verschluckt wird.

Ein Dutzend Menschen quillt aus der Maschine. Das Gepäck wird ausgeladen, auf einer Ablage aufgereiht. Jeder Passagier – auch der letzte – erhält sein Gepäckstück nur, wenn er die entsprechende Quittung von der Gepäckaufgabe in Managua vorweisen kann! Und dann können wir endlich in die Maschine hineinklettern. Als die Turbine startet, verstummen die entrüsteten Schreie der zurückbleibenden US-Bürger. In einer Staubwolke starten wir – zwei Stunden nach Plan. Adiós San Carlos!

 [dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Linkliste

Aerolinea La Costeña
Die Fluggesellschaft gehört zur TACA-Gruppe und fliegt mit ihren Cessna-Caravan- und Shorts-Flugzeugen alle kleinen und großen Pisten in Nicaragua an.

Pan y Arte
Eine deutsche Nichtregierungsorganisation, der Kultur- und Entwicklungsprojekte in Nicaragua fördert. Die Philosophie des Vereins, der bis 2006 vom Schauspieler Dietmar Schönherr geleitet wurde, besagt, dass Kunst und Kultur ebenso wichtige Nahrungsmittel zum Leben und zur Fortentwicklung sind wie materielle Dinge. Ohne Kunst und Kultur wäre der Mensch kein soziales Wesen. Denn eine eigenständige Entwicklung bedarf eigenständige Persönlichkeiten, die mit ihrer Kreativität und Kompetenz eigene Wege zur Verbesserung der Missstände in ihrem Land erschließen. Heutiger

América Andina
Auf Lateinamerika spezialisierter Reiseveranstalter aus Münster, der u.a. auch eine Rundreise nach Nicaragua anbietet, bei dem die “Pan y Arte“-Projekte im Mittelpunkt stehen.[/dropshadowbox]

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