Paraguay: Warum die Kröte so hässlich ist – Ein Märchen der Guaraní

7. April 2007 | Von | Kategorie: Tradition und Mystik

Vor langer Zeit hatte die Kröte noch einen glatten, wunderschön schimmernden Rücken und war sehr eitel. Eines Tages wurden die Kröte und ihr Nachbar, der Urubú (eine in Südamerika lebende Geierart), zu einer großen Fiesta eingeladen, die im Himmel der Tiere stattfinden sollte. Alle bereiteten sich aufgeregt auf das Fest vor. Der Urubú schaute bei der Kröte vorbei, die im Schilf ihre Stimme trainierte und ihre schönsten Melodien sang.

Kröte

© Foto Kröte: Jamie Cross, Fotolia, Bearb. Alavia.com

Die Tiere begrüßten sich. Die Kröte platzte fast vor Stolz und prahlte, dass man sie zu dem großen Fest wegen ihrer besonderen Sangeskünste eingeladen habe. Hochnäsig fragte sie den Urubú, ob er denn auch eine Einladung erhalten habe. Der Geier antwortete bescheiden, dass auch er eingeladen worden sei, weil er auf der Fiesta mit seiner Gitarre spielen sollte. Der Vogel mochte das aufgeblasene Gehabe seiner Nachbarin.

Am nächsten Morgen saß der Urubú auf einem kleinen Busch, putzte sich und ordnete seine schwarzen Federn für die Reise zum Himmel der Tiere. Neben dem Busch lag seine Gitarre, der große Vogel hatte das Instrument die ganze Nacht lang sorgfältig gestimmt, damit es während des Festes besonders schön klingt. Da kam die Kröte vorbei. Sie sagte, dass sie sich schon jetzt auf den Weg zum Himmel der Tiere machen würde, denn sie könne ja nur sehr langsam vorwärts hüpfen. Der Geier schaute kurz auf und wünschte der Kröte eine gute Reise und widmete sich dann wieder seinem Gefieder. Die Kröte aber nutzte den unbeobachteten Moment und sprang in die Gitarre.

Aufgeregt und voller Vorfreude auf die große Party brach der Urubú zu seinem Flug zum Himmel der Tiere auf. Dass seine Gitarre schwerer war als sonst merkte er in der Aufregung gar nicht. Schon bald ließ er die Wolken hinter sich, dann auch den Mond und die Sterne.

Als er am Ort des Festes ankam, fragten ihn die anderen Tiere nach der Kröte. Der Geier antwortete, dass er nicht glaube dass die Kröte sobald ankommen würde. Denn ihre winzigen Sprüngen würden wohl kaum ausreichen, um in den Himmel der Tiere zu gelangen.

“Und warum hast du sie nicht mitgenommen?“ fragten ihn die anderen Tiere.

“Weil ich keine Lust habe, Steine zu schleppen“ antwortete der Urubú mürrisch. Er legte seine Gitarre neben sich und wartete auf den Moment, an dem es die Musik endlich beginnen sollte.

Da sprang die Kröte plötzlich aus der Gitarre – direkt vor den Urubú – noch aufgeblasener und stolzer als sonst. Die anderen Tiere begrüßten die Kröte mit großen Hallo und viel Applaus. Und sie lachten den übertölpelten Urubú aus.

Endlich begann die Fiesta. Es gab viel zu essen und alle amüsierten sich prächtig. Sie tanzten, sangen und spielten lautstark ihre Lieblingsinstrumente – jeder wollte sich auf dem Fest von seiner besten Seite zeigen. Inmitten dieses Radaus zupfte der Urubú zufrieden seine Gitarre und die aufgeblasene Kröte quakte aus voller Brust ihre – nun ja – Melodien. Als das Fest seinen Höhepunkt erreichte, versteckte sich die Kröte wieder in der Gitarre des Urubús – denn sie wollte ja wieder zurück auf die Erde.

Urubú (© Renaud Faucilhon - Fotolia)

Urubú (© Renaud Faucilhon – Fotolia)

Als das Fest zu Ende ging und alle sich voneinander verabschiedeten, bemerkte niemand, dass die Kröte fehlte – niemand außer dem Urubú. Er war noch immer verstimmt darüber, dass die Kröte ihn so lächerlich gemacht hatte. Als er zum Rückflug aufbrach spürte er das zusätzliche Gewicht seiner Gitarre. Er flog weiter und schon bald konnte er die Erde wieder erkennen. Als er unter dem Mond durchflog, sah er im fahlen Licht des Mondes die Kröte, die zusammengekauert in ihrem Versteck hockte.

“Komm heraus!” rief der Urubú.

Die Kröte flehte ihn an, sie nicht hinaus zu werfen – und verkroch sich voller Angst noch tiefer in die Gitarre. Wütend schüttelte der Vogel das Instrument bis die Kröte schließlich herauspurzelte. Wie Flügel bewegte sie ihre Beinchen in der Luft. Sie fiel sehr schnell, doch da die Entfernung zum Boden noch sehr groß war, hatte sie genug Zeit, nach unten zu schauen. Sie hoffte inständig, ins Wasser oder wenigstens auf weichen Sand zu fallen.

Und tatsächlich sah sie eine Lagune direkt unter sich – doch der Wind trieb sie ab. Dann war eine weiche Wiese unter ihr, dann das ausladende Laubdach eines riesigen Baumes. Doch der Wind wehte sie weiter – entsetzt erkannte die Kröte harte Wege und spitze Felsen rasend schnell näher kommen. Schließlich krachte sie mit dem Rücken voran auf das harte Pflaster eines Hofes. Es dauerte viele Tage bis die Kröte sich von diesem Sturz erholt hatte. Doch der Aufprall war so hart gewesen, dass ihr ehemals glatter, eleganter, glänzender Rücken von da an auf alle Zeiten mit vielen Flecken und Buckeln übersäht ist.

Jetzt wisst ihr den Grund warum die warum die Kröte heute so hässlich ist. Man erzählt sich auch, dass sie durch den Sturz auch ihre einstmals so schöne Stimme verloren hat – allerdings gibt es dafür keinen Beweis.

© Foto Kröte: Jamie Cross, Fotolia, Bearb. Alavia.com

 [dropshadowbox border_width=“1″ inside_shadow = „false“ width=“100%“]Infos zu den Guaraní

Die Guaraní sind ein indigenes Volk, das im Zentrum des südamerikanischen Kontinents beheimatet ist. Guaraní leben im Norden Argentiniens und Südwesten Brasiliens und vor allem im heutigen Paraguay. Dort ist ihre Sprache neben dem Spanischen offizielle Amtssprache, auch die paraguayische Landeswährung wurde nach ihnen benannt.

Die Guaraní sind noch heute ein Jäger und Sammlervolk, heute betreiben sie auch etwas Landwirtschaft, wichtigste Kulturpflanze ist der Mais. Berühmt sind sie für ihre traditionellen Töpferwaren, ihre farbenfrohen Textilien und ihre Korbmacherkunst.

Die Guaraní-Gesellschaft setzt sich aus Clans zusammen, die aus mehreren, miteinander verwandten Familien bestehen. Normalerweise lebt ein Clan in einem eigenen Dorf. Oberhaupt eines solchen Dorfes ist der Clanälteste, er vereinigt in sich symbolisch den Ursprung der Familie und die Verbindung zu den Ahnen. Bei Gefahr oder für Projekte, die größere Gruppen erfordern, schließen sich mehrere benachbarte Clans zusammen. Für wichtige, weitreichende Entscheidungen versammeln sich dann die Ältesten mehrer Dörfer zu einer “Großen Versammlung“.[/dropshadowbox]

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