Patagonien: Bambis Wald

16. November 2006 | Von | Kategorie: Natur und Ökologie

Auch mehr als 60 Jahre nach seiner Uraufführung verzaubert Walt Disneys Meisterwerk „Bambi“ jung und alt. Der Film erzählt einfühlsam Bambis Weg vom neugierigen, tapsigen Kitz zum stattlichen Hirschen. Er lässt den Betrachter teilhaben an den Abenteuern, die Bambi und seine Freunde, das aufgeweckte Kaninchen Klopfer und das etwas schüchterne Stinktier Blume, in ihrem Wald erleben. Die eindrucksvolle und sehr liebevolle Animation der üppigen Natur haben diesen Zeichentrickklassiker auch zu einem „echten“ Naturerlebnis gemacht. Mit „Bambi 2 – Der Herr der Wälder“ kommt nun die Fortsetzung in die Kinos. Was aber kaum jemand weiß: Bambis Geburtsort soll mitten in Patagonien liegen.

Im Nordwesten des argentinischen Teils von Patagonien liegt ein großer, tiefblauer See – der Lago Nahuel Huapi. Er ist eingebettet in eine liebliche Landschaft mit üppigen Wäldern, zahlreichen weiteren Seen und Flüssen und den alles überragenden, schneebedeckten Bergkuppen der Anden. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit den alpinen Landschaften Europas wird diese Region auch die „Argentinische Schweiz“ genannt.

Lang gestreckt erhebt sich in der Mitte des Nahuel Huapi-Sees die Insel Victoria. Sie ist bekannt für ihren enormen Wildreichtum, vor allem an Rot- und Axishirschen. Doch Victoria und die am anderen Seeufer gegenüber liegende Halbinsel Landzunge Quetrihué bergen noch einen weit größeren Schatz: einen seltsamen, urtümlichen Wald. Er besteht fast nur aus zu den Myrtengewächsen gehörenden Arrayán-Bäumen.

Jeder, der diesen Wald betritt, wird augenblicklich von einer fast unwirklich anmutenden Stimmung eingefangen. Das sanft mit dem Wind tanzende Schattenspiel der durch das dunkelgrüne Laub fallenden Sonnenstrahlen taucht alles in eine warmes, magisches Licht. Die glatten, kapriziös gewundenen Stämme der Arrayánes schimmern in allen erdenklichen Zimt-, Braun- und Ziegelrot-Tönen. Man fühlt sich wie verzaubert. Ein Schauer jedoch läuft demjenigen über den Rücken, der jetzt einen der Stämme berührt: sie sind eiskalt.

Genauso soll es Walt Disney ergangen sein. Eingeladen von Antonio Lynch reiste Walt Disney 1942 nach Argentinien. Er befand sich damals mitten in den Arbeiten zu „Bambi“. Lynch war zur damaligen Zeit Eigentümer von Quetrihué und hatte dort inmitten des „Zauberwaldes“ ein einfaches Blockhaus als Teehaus und Sommerfrische errichtet. Es wird erzählt, dass Disney lange Zeit in diesem Blockhaus verweilte. Immer wieder zog es ihn in die geheimnisvollen Myrtenwälder auf Victoria und Quetrihué. Diese Streifzüge – so die Legende – inspirierten Disney letztlich zu den Vorstellungen und Bildern, die „Bambi“ zum Welterfolg machten. Und so wird dieser wundervolle Kinderfilm wohl auch noch in 100 Jahren seine Zuschauer auf eine zauberhafte Reise in eindrucksvolle Natur mitnehmen, eine Reise in Bambis Wald.

Der Arrayán gehört zu den Myrtengewächsen und ist weitläufig mit dem australischen Eukalyptus verwand. Er ist in den Andenwäldern Nordpatagoniens bis in eine Höhe von etwa 800 Metern über dem Meeresspiegel heimisch. Die Pflanze ist dort in der Nähe von See- oder Flussufern zu finden; sie bevorzugt generell sehr feuchte Standorte. Ein Arrayán wächst strauchförmig oder in der Gestalt von kleinen, oft tief herab verzweigten oder mehrstämmigen Bäumen und wird 12 bis 15 Meter hoch. Oftmals windet sich der Stamm wiederholt um sich selbst. Das Wachstum erfolgt jedoch aufgrund der klimatischen Bedingungen sehr langsam. Der Baum kann bis zu 600 Jahre alt werden.

Trotz der zuweilen recht strengen patagonischen Winter behält diese Myrtenart ihr Laub ganzjährig. Die ganzrandigen Blätter sind oval, bis zu 2,5 Zentimetern lang und kurz zugespitzt. Junge Blätter haben oberseits eine bronzene bis purpurne Färbung, ältere Blätter sind glänzend dunkelgrün und kahl. Das Charakteristischste des Arrayán-Baumes ist jedoch ohne Zweifel seine extrem dünne Rinde. Ihre Farbe variiert von zimtfarben bis ziegelrot. Sie weist weiße Flecken an den Stellen auf, an denen sie sich alte, abgestorbene Borke in Platten vom Stamm gelöst hat. Die Borke ist sehr glatt und seidenartig. Wer sie berührt, kommt ins Frösteln: sie ist kalt wie Eis. Die Arrayán-Rinde ist sehr vitaminhaltig und wurde früher erfolgreich gegen Skorbut angewendet. Auch die in der Gegend heimischen Mapuche-Indianer haben den Baum bereits medizinisch genutzt. Manche „findige“ Geschäftsleute haben die Borke jedoch auch dazu missbraucht, das teure Importgewürz Zimt zu strecken.

Das Holz selbst ist sehr hart und dicht. Man verwendet es bevorzugt zur Herstellung von Werkzeugstielen und –griffen. Auch als Feuerholz ist es sehr ergiebig. Während die anderen Bäume in den Andenwäldern Patagoniens spätestens im Dezember verblüht sind, beginnt die Blüte des Arrayán erst im Januar und dauert bis in den Spätsommer der Südhalbkugel (d.h. bis März) hinein an. Die Blüten selbst sind weiß und stehen einzeln in kleinen Gruppen in den Blattachseln der jungen Zweige. Sie werden etwa zwei Zentimeter groß. Vier Kronblätter umgeben die Staubblätter und die rötlich-gelben Staubbeutel. Die im reifen Zustand violette oder schwarze, fleischige Frucht misst etwa 1,2 bis 1,5 Zentimeter im Durchmesser. Die Beere ist essbar, wenn auch nicht von herausragendem Geschmack. Sie enthält drei Samenkörner.

Zur Reproduktion ist der Arrayán jedoch nicht nur auf seine Samen angewiesen. Er vermehrt sich auch vegetativ. Aus seinen Wurzeln können sich zahllose Ableger und Keimlinge entwickeln. Auch aus heruntergefallenen Zweigen können neue Pflanzen entstehen: haben sie genügend Licht, sprießen aus den Astaugen neue Triebe. Unter optimalen Bedingungen kann sich auf diese Weise ein dichter Myrtenwald bilden, der kaum Licht und Platz lässt für andere Pflanzenarten.

In der Regel ist der Arrayán jedoch als Solitär oder in kleinen Gruppen stehend anzutreffen. Tatsächlich sind nur zwei wenige Hektar große Stellen bekannt, in der zusammenhängende Arrayánwälder wachsen. Beide befinden sich an den Ufern des Lago Nahuel Huapi in der argentinischen Provinz Rio Negro. Das eine Wäldchen befindet sich auf der Insel Victoria mitten im See. Der zweite, größere Myrtenwald liegt auf der weit in den Nahuel Huapi hineinragenden Halbinsel Quetrihué. Quetri ist die Bezeichnung der Urweinwohner für den Arrayán. Quetrihué heißt einfach „ der Ort, wo der Arrayán wächst“.

Tipps / Service

Heute gehören die Arrayán-Wälder von Victoria und Quetrihué beide zu Nationalparks. Für Besucher geöffnet ist derzeit nur Quetrihué als Kern des Nationalparks „Los Arrayanes“. Von San Carlos de Bariloche, dem touristischen Zentrum der Argentinischen Schweiz, lassen sich leicht eintägige Exkursionen in den Park organisieren. Ausgedehnte Rundwege führen durch den Urwald, Lehrpfade und freundliche Park-Ranger helfen, die Geheimnisse der Myrten zu erkunden. Natürlich steht auch das Blockhaus, in dem Walt Disney seine Eindrücke aus der patagonischen Natur für den Film Bambi zu Papier brachte, den Besuchern offen.

Wie hinkommen?

Von Buenos Aires Stadtflughafen Aeroparque bieten Aerolineas Argentinas und LAN Airlines mehrere Flüge täglich ins knapp 1.500 km entfernte Bariloche. Der Flug dauert gut zwei Stunden.

Wo wohnen?

Bariloche und Umgebung offerieren eine Vielzahl an Übernachtungsmöglichkeiten für jeden Geschmack und Geldbeutel. Einfache Unterkünfte wie eine Jugendherberge oder Zeltplätze stehen dabei ebenso zur Auswahl wie Unterkünfte in Familienpensionen oder Luxushotels.

Zu den renommiertesten (und teuersten) Hotels in Bariloche gehört sicherlich das einige Kilometer außerhalb Bariloches auf einer malerischen Halbinsel gelegene Llao Llao Hotel & Resort. Detailinfos in Spanisch und Englisch bietet die Webside des Hotels: http://www.llaollao.com

Eine interessante und wesentliche preiswertere Alternative ist die Albuerge Juvenil (Jugendherberge) Ruca Hueney, wo man in Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmern übernachten kann. Infos unter http://www.rucahueney.com

Bed & Breakfast gibt es in vielen Familienpensionen, den sogenannten Casas Familiares. Zum Beispiel die Posada de Luz am Stadtrand von Bariloche. Infos: http://www.bariloche.com/possadadeluz

Weitere Infos gewünscht?

Viele Informationen rund um Bariloche mit nützlichen Details zu Unterkunft, Aktivitäten und Events finden sich beispielsweise im Portal www.bariloche.com.
Wer darüber hinaus Wissenswertes zu Patagonien sucht, wird sicherlich bei www.patagonia.com.ar fündig.

Für Naturfreunde, Wanderer und Bergsteiger sollte der Club Andino erste Anlaufstelle sein. Die Homepage des Vereins ist unter www.clubandino.com.ar abrufbar

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